{"id":103,"date":"2019-07-16T11:23:40","date_gmt":"2019-07-16T09:23:40","guid":{"rendered":"http:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=103"},"modified":"2025-11-12T22:10:46","modified_gmt":"2025-11-12T20:10:46","slug":"walter-junker","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=103","title":{"rendered":"Walter Junker"},"content":{"rendered":"\n<p>Walter (Karl, Albert) Junker wird am 27. November 1910 als viertes Kind einer Arbeiterfamilie in Berlin-Wannsee geboren. W\u00e4hrend der Vater als Bauarbeiter t\u00e4tig ist, arbeitet die Mutter als Waschfrau. 1925 beendet Walter Junker seine schulische Ausbildung an der Volksschule. Um die Lebenslage der Familie zu verbessern, muss er mehreren schlecht bezahlten Nebenbesch\u00e4ftigungen nachgehen. So arbeitet er bei einem Einzelh\u00e4ndler und au\u00dferdem als Balljunge auf den Tennispl\u00e4tzen der damals schon zahlreichen gutsituierten Wannseer:innen. In seiner sp\u00e4rlichen Freizeit widmet er sich so oft wie m\u00f6glich dem Arbeitersport im selben Stadtteil. Politisch pr\u00e4gen ihn die Erlebnisse in der wirtschaftlich schwierigen Zeit der Weimarer Republik sowie sein Vater und zwei seiner Schwestern, die alle Mitglieder der SPD sind.<\/p>\n\n\n\n<p>1925 beginnt er eine Lehre zum Werkzeugmacher im Dynamowerk bei Siemens-Schuckert in Berlin-Siemensstadt. Das 1907 am Nonnendamm er\u00f6ffnete Dynamowerk gilt zu dieser Zeit als einer der gr\u00f6\u00dften und modernsten Fabriken in Europa; der gesamte Siemens-Komplex ist ein riesiges Industrieareal. Die politischen und sozialen K\u00e4mpfe der Weimarer Republik, besonders unter der Arbeiterschaft, machen auch vor Walter Junker nicht halt. In dieser Zeit wird er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), aus der er jedoch 1928 wegen der reaktion\u00e4ren und aufr\u00fcstenden Politik der SPD wieder austritt. W\u00e4hrend seiner Lehrzeit engagiert er sich gewerkschaftlich in der Metallarbeiterjugend. Neues politisches Bet\u00e4tigungsfeld findet Walter Junker ab 1928 gemeinsam mit einigen Freunden im KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands). Im Dynamowerk gr\u00fcnden sie eine Betriebszelle des KJVD und bringen Zeitungen und Artikel f\u00fcr die KPD-Betriebszeitung Siemens-Lautsprecher sowie die Jugendzeitung Siemens-Jungprolet heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein politisches Engagement f\u00fchrt ihn 1928 als Leiter in die KJVD-Ortsgruppe nach Nowawes, dem heutigen Babelsberg. Seine politische T\u00e4tigkeit bleibt seinem Arbeitgeber Siemens nicht verborgen. Es ist anzunehmen, dass sowohl die wirtschaftliche Situation in jener Zeit als auch seine politische Bet\u00e4tigung dazu f\u00fchren, dass er acht Monate nach seinem erfolgreichen Ausbildungsabschluss im Dezember 1929 entlassen wird. Einer historisch-biografischen Arbeit \u00fcber Walter Junker ist zu entnehmen, dass er um den Jahreswechsel 1930\/31 noch Wohlfahrts-Notstandsarbeiten beim Gartenbauamt Berlin-Zehlendorf ausf\u00fchrt und daher weiterhin bei seinen Eltern in Berlin-Wannsee gemeldet sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Walter Junker wird Mitglied der KPD und \u00fcbernimmt ab 1931\/1932 die Rolle des Politischen Leiters der Ortsgruppe Nowawes. Als Teil der Stra\u00dfenzelle 6 der KPD liegt sein politischer Arbeitsschwerpunkt entlang der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe, als Politischer Leiter ist er jedoch \u00fcberall pr\u00e4sent. In der damaligen L\u00fctzowstra\u00dfe 5, der heutigen Dieselstra\u00dfe, ist er mit einer Wohnadresse gemeldet. Die KPD schafft ab Mitte der 1920er Jahre mit den Betriebszellen und dort, wo keine gro\u00dfen Betriebe existieren, durch die Stra\u00dfenzellen eine Organisationsstruktur, die die innerparteiliche Demokratie und Massenarbeit f\u00f6rdert. Durch seine Zeit in der SAJ kann Walter Junker die Zusammenarbeit mit der SPD intensivieren \u2013 kein gew\u00f6hnlicher Vorgang in einer Zeit, in der die KPD die Sozialdemokratie als Gegner betrachtet. Wichtig sind ihm auch die Verbindungen in den l\u00e4ndlichen Raum sowie die Herausgabe der Nowaweser KPD-Ortsgruppenzeitung Roter Pionier.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Macht\u00fcbertragung an die Nationalsozialisten 1933 und dem Verbot der KPD sowie ihrer Organisationen versucht Walter Junker gemeinsam mit anderen antifaschistischen Widerstandsk\u00e4mpfern wie Alfred Lehnert, Walter Klausch und Albert Klink, die politische Arbeit illegal fortzusetzen. Im M\u00e4rz 1933 wird er zusammen mit anderen Personen in seiner Nowaweser Wohnung verhaftet. Die Polizei bringt ihn in das Potsdamer Gef\u00e4ngnis in der damaligen Bauhofstra\u00dfe (heute Henning-von-Tresckow-Stra\u00dfe). Quellen zufolge spricht er nach seiner Entlassung am 1. Mai 1933 ein letztes Mal bei einem illegalen Treffen am Griebnitzsee zu seinen Genossen. Schlie\u00dflich muss er, um einer erneuten Verhaftung zu entgehen, in die Tschechoslowakei emigrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch in Prag ist er nicht sicher. Durch seine fortgesetzte politische T\u00e4tigkeit ist er st\u00e4ndig von der Ausweisung bedroht und verl\u00e4sst Ende August 1935 die Tschechoslowakei in Richtung \u00d6sterreich. Fast ein Jahr sp\u00e4ter reist Walter Junker im Juni 1936 mit einem legalen Pass in die Schweiz ein und wohnt zun\u00e4chst in Z\u00fcrich bei einem Kommunisten, dessen Schwester in Berlin lebt. Es ist anzunehmen, dass politische Strukturen ihn zu dieser Adresse f\u00fchren. Hier beantragt er politisches Asyl. Die Polizei vermutet jedoch, dass Junker aus politischen Gr\u00fcnden in der Schweiz ist. Bei einer Vorladung gibt er falsche Daten an und verschweigt unter anderem seine Mitgliedschaft in der KPD. Auch die Jahre des Exils in Prag l\u00e4sst er unerw\u00e4hnt; er behauptet, nach wenigen Tagen in Prag direkt in die Schweiz weitergereist zu sein. Die Schweizer Polizei setzt daraufhin einen Detektiv auf ihn an und verweigert ihm das politische Asyl wegen der Einreise \u00fcber ein Drittland. Seine Odyssee dauert noch einige Monate an, seine Widerspr\u00fcche gegen den Bescheid werden abgewiesen. In Winterthur kommt er in Wohnungen von bekennenden Linken unter, doch erh\u00e4lt er eine Ausreisefrist bis Ende Oktober bzw. Mitte November 1936.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber seine Zeit in \u00d6sterreich und nach seiner Ausweisung aus der Schweiz gibt es keine weiteren Hinweise. Sicher ist, dass sein Status als politischer Fl\u00fcchtling ein Hauptgrund f\u00fcr die L\u00fccken in den Quellen ist. Es ist anzunehmen, dass er durch seine Parteiarbeit in der KPD und durch bestehende Strukturen im Ausland Unterst\u00fctzung f\u00fcr politische Gefl\u00fcchtete erh\u00e4lt. Als er im Oktober\/November 1936 die Schweiz verl\u00e4sst, vergehen anderthalb Jahre, bis er Anfang Juni 1938 erneut in Dokumenten auftaucht \u2013 diesmal im Bereitstellungsraum der XI. Internationalen Brigade in Spanien. \u00dcber seine Fluchtroute aus der Schweiz nach Frankreich und dann nach Spanien ist nichts bekannt, doch die Rote Hilfe und die Kommunistische Partei Frankreichs unterst\u00fctzen zu dieser Zeit Antifaschisten und Kommunisten auf ihrem Weg nach Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Juni 1938 erreicht Walter Junker den Bereitstellungsraum der XI. Internationalen Brigade in Falset im S\u00fcdwesten Kataloniens und wird dem Bataillon \u201e12. Februar\u201c zugeteilt. Die XI. Brigade ist seit Juli 1937 der 35. Division der spanischen Volksarmee unterstellt. Im Bataillon \u201e12. Februar\u201c wird er Maschinengewehr-F\u00fchrer in der Maschinengewehrkompanie. Ziel der republikanischen Kr\u00e4fte ist es, mit einer Entlastungsoffensive am Ebro den Vormarsch der Faschisten auf Valencia \u2013 zu diesem Zeitpunkt Hauptstadt der spanischen Republik \u2013 zu stoppen. Die Ebro-Offensive ist die letzte gro\u00dfe Schlacht im Spanischen B\u00fcrgerkrieg. Am 25. Juli 1938 beginnt sie, und nach einigen Tagen m\u00fcssen die Faschisten ihre Angriffe auf Valencia einstellen. Ein Br\u00fcckenkopf am Ebro wird gebildet, schlie\u00dflich wird der Fluss \u00fcberschritten. Mit dabei sind aus Nowawes Kapit\u00e4n Kurt Vogel (Operationschef des 4. Bataillons \u201e12. Februar\u201c), Kurt Laube (Politkommissar im Bataillon \u201eEdgar Andr\u00e9\u201c), Paul K\u00fchne (F\u00fchrer einer Sanit\u00e4tswagenkolonne in der 35. Division) und Walter Junker.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit zwei Tagen befindet sich die spanische Volksarmee mit ihren Internationalen Brigaden in der Vorw\u00e4rtsbewegung. Die Faschisten ziehen sich nach Gandesa zur\u00fcck, um dort eine neue Kampflinie aufzubauen. Die Internationalen Brigaden r\u00fccken schnell nach. Es ist der 28. Juli, am Mittag wird die H\u00f6he gegen\u00fcber der Stadt Gandesa besetzt; der Sturm auf die Stadt soll um 15:00 Uhr beginnen. Doch die franquistischen Truppen er\u00f6ffnen vorher das Feuer mit Artillerie und Fliegerbomben. Gegen 14:00 Uhr kommt ein Melder von einem benachbarten Bataillon und bittet Kurt Laube mitzukommen, da ein Freund von ihm schwer verwundet sei. Dann sieht Kurt Laube dort Walter Junker liegen. Kurt Laube erinnert sich in einem Zeitungsbericht der M\u00e4rkische Volksstimme aus dem Jahr 1955: \u201eEr liegt unter B\u00e4umen auf einer Zeltbahn. Explosivgeschoss in die Brust zum R\u00fccken hinaus, es gibt keine Rettung mehr. Aber er liegt ruhig, die Augen geschlossen, atmet noch ganz schwach. Der anwesende Sanit\u00e4ter gibt mir ein Zeichen, dass es bald zu Ende sein muss. Ich fasse seine Hand: `Walter, Walter h\u00f6rst du mich?\u00b4 Die Augen \u00f6ffnet er nicht mehr, aber ich sp\u00fcre einen ganz schwachen Druck seiner Finger. So halte ich seine Finger einige Minuten. Dann ist kein Druck mehr zu sp\u00fcren, das letzte schwache Atmen hat aufgeh\u00f6rt. Er ist eingeschlafen \u2013 f\u00fcr immer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Kampfpause wird Walter Junker am 28. Juli 1938 bei Corbera d\u00b4Ebre, 10 km westlich des Ebros und ganz in der N\u00e4he von Gandesa, begraben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kommission zur Erforschung der Geschichte der \u00f6rtlichen Arbeiterbewegung: Mitgestalter der Geschichte \u2013 Wegbereiter unserer Zeit; Potsdam; 1980<\/p>\n\n\n\n<p>Wolf Gerhardt: WalterJunker &#8211; Sein Verm\u00e4chtnis lebt durch unsere Tat; Potsdam 1988<\/p>\n\n\n\n<p>Leben und Wirken des Revolution\u00e4rs und Internationalisten Walter Junker; Potsdam; 1969<\/p>\n\n\n\n<p>Brandenburgische Neueste Nachrichten; Jg. 30; Nr. 186 vom 08.08.1980<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rkische Volksstimme; Jg. 10; Nr. 183 vom 07.08.1955<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rkische Volksstimme; Jg. 33; Nr. 170 vom 21.07.1978<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rkische Volksstimme; Jg. 38; Nr. 176 vom 28.07.1983<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter (Karl, Albert) Junker wird am 27. 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