{"id":1350,"date":"2020-07-27T09:49:19","date_gmt":"2020-07-27T07:49:19","guid":{"rendered":"http:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1350"},"modified":"2023-08-25T19:55:23","modified_gmt":"2023-08-25T17:55:23","slug":"die-kneipe-als-ort-der-freizeit-und-politisierung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1350","title":{"rendered":"Die Kneipe als Ort der Freizeit und Politisierung"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Arbeit f\u00fcllte zwar den haupts\u00e4chlichen Teil des Lebens von Arbeiter*innen aus, doch mit dem Sonntag, den verschiedenen Feiertagen und vor allem mit der Verk\u00fcrzung des Arbeitstages, erreicht durch jahrelange K\u00e4mpfe und Streiks der Arbeiter*innen, konnte auch die Zeit des Feierabends freier gestaltet werden. Wegen der beengten und teilweise auch ungesunden Wohnverh\u00e4ltnisse (dunkel, feucht und kalt usw.), fand ein Gro\u00dfteil der Freizeit au\u00dferhalb der eigenen vier W\u00e4nde statt. W\u00e4hrend Kinder und Frauen aus den Arbeiter*innenfamilien h\u00e4ufig ihre Zeit auf der Stra\u00dfe oder im Hof verbrachten, war f\u00fcr die Arbeiter die Kneipe der ideale Ort der Zusammenkunft, des Genusses, aber auch der Politisierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei m\u00fcssen die Kneipen, wie gerade schon angeschnitten, aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden. Kneipen in Nowawes waren Orte der Abwechslung und der Flucht aus dem harten Arbeiteralltag. Generell spielte der Konsum von Alkohol eine gro\u00dfe Rolle. \u201eDer dort konsumierte Alkohol war Teil einer \u2013 m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten \u2013 Geselligkeitskultur, die gemeinschaftsstiftend wirken konnte und Arbeitern unterschiedlicher Berufs- und Betriebszugeh\u00f6rigkeit Gelegenheit zu Meinungsaustausch und Meinungsbildung gab. Au\u00dferdem konnte von einem t\u00e4glichen Bes\u00e4ufnis in Wirklichkeit nicht die Rede sein \u2013 dazu reichte schon das Geld nicht aus; vor allem aber musste der Lebensunterhalt verdient werden, und dies lie\u00df sich nur realisieren, wenn man regelm\u00e4\u00dfig und leistungsf\u00e4hig zur Arbeit kam.\u201c (J\u00fcrgen Kocka, Arbeiterleben und Arbeiterkultur, Dietz 2015, S. 308-309).<\/p>\n\n\n\n<p>Das aber der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Konsum von Alkohol keine Seltenheit war und Trunkenheit in der Arbeiter*innenschaft ein gesellschaftliches Thema war, l\u00e4sst sich jedoch nicht leugnen. Dies traf auch auf Nowawes zu, so gab es Diskussionen um die Nutzung des Ratskellers im Rathaus von Nowawes. Als 1928 die Polizeidienststelle auszog, mussten sich die Stadtverordneten mit der Nachnutzung auseinandersetzen. Protest f\u00fcr eine erneute Nutzung als Schankwirtschaft gab es unter anderem vom CVJM, vom Pfarrer der Friedrichskirch-Gemeinde und vom Deutschen Verein gegen den Alkoholismus. \u201eDer Pfarrer Hasse wies mit Recht darauf hin, dass 75 Schankst\u00e4tten im Verh\u00e4ltnis zur Nowaweser Bev\u00f6lkerung schon viel zu viel seien, und dass besser daran getan sei, ein preiswertes Angebot an alkoholfreien Erfrischungen zu etablieren.\u201c (Keller: Zur Geschichte des Babelsberger Rathauses (1900-1956), S. 45)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Bierabend z\u00e4hlte am Beginn unseres Jahrhunderts zur bedeutendsten politischen Gesellungsform der Arbeiter, verband doch gerade die Freude am Biertrinken viele Arbeiter mit der Politik. Beg\u00fcnstigend kam hinzu, dass fast alle Wirtschaften ihren G\u00e4sten neben Bier und Schnaps auch Billard und Skat, Musik, Lotterien und Wetten bzw. \u00e4hnliche Gl\u00fccksspiele anboten. So waren Kneipen, Gasth\u00e4user u.\u00e4. mehr als Orte des Genie\u00dfens, Kommunizierens und Spielens unter seinesgleichen; sie waren St\u00e4tten politischer Kultur (\u2026).\u201c (Jacobeit: Illustrierte Alltags- und Sozialgeschichte Deutschlands 1900-1945, S.270) Herauszustellen ist, dass sich eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Konzentrierung von Kneipen vor allem auf Bereiche abspielte, wo viele Arbeiter*innen lebten oder Betriebe ihren Sitz hatten. In Nowawes ist dies vor allem in den Bereichen der heutigen Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe, links und rechts der Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe, der Karl-Gruhl-Stra\u00dfe oder auch rund um die Stra\u00dfe Alt Nowawes zu beobachten. Als Vergn\u00fcgungslokale zum Tanzen dienten diese Kneipen nicht, sondern nur um schnell eine \u201eMolle und einen Schnaps\u201c zu trinken. Im besten Fall gab es ein paar W\u00fcrstchen oder Bouletten zu essen. In den Kneipen verkehrte meist ein Stammpublikum, also G\u00e4ste, die immer wieder in die gleiche Kneipe kamen. Neben der angesprochenen r\u00e4umlichen Aufteilung nach Wohnort oder Arbeitsst\u00e4tte, die einen Teil des Stammpublikums ausmachten, waren es auch bestimmte Berufsgruppen, die sich beim Vor- oder Sitznamen kannten, oder \u201esie fungierten als (oft auch politisches) Vereinslokal.\u201c (Lange: Berlin in der Weimarer Republik, S.592) Dazu werden wir gleich noch einmal n\u00e4her kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Kneipe war ein Ort, an dem durch Gespr\u00e4che, Unterhaltung, Kartenspiel und Kegeln eigenst\u00e4ndige Arbeiterfreizeit praktiziert werden konnte. Sie war ein Ort, der sich zum Politisieren eignete. Solange der entstehenden Arbeiterbewegung wie meist im 19. Jahrhundert keine eigenen R\u00e4ume zur Verf\u00fcgung standen, war es die Kneipe beziehungsweise der abgetrennte Saal eines Lokals, in dem sich interessierte Arbeiter und Handwerker trafen, um Zeitungen und programmatische Texte zu lesen, zu diskutieren und gegebenfalls ihre Vereinsangelegenheiten zu besprechen.\u201c (J\u00fcrgen Kocka, Arbeiterleben und Arbeiterkultur, Dietz 2015, S. 310) Und auch in Nowawes fanden die Organisierung und die Politisierung der Arbeiter*innenschaft, neben dem Arbeitsort, in den Kneipen und Schankwirtschaften statt. Exemplarisch hierf\u00fcr stehen verschiedene Lokale, die wir folgend n\u00e4her beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mehrzahl der schon zu Beginn der Kaiserzeit in Nowawes und Neuendorf vorhanden Gastwirtschaften waren weitestgehend unpolitische Sch\u00e4nken, zumal die meisten Wirte mit Argusaugen darauf achteten, dass \u2013 selbst \u201eim Suff\u201c &#8211; keine politischen Reden gehalten wurden. Da die aufkommende sozialdemokratische Arbeiterbewegung, erst Recht w\u00e4hrend der Sozialistengesetze (1878 &#8211; 1890) unter st\u00e4ndiger Beobachtung der preu\u00dfischen Polizei auch in Nowawes stand, waren nur sehr mutige und findige Gastwirte bereit, ihr Haus den \u201eStaatsgef\u00e4hrdern\u201c zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>So berichtet der \u201eVorw\u00e4rts\u201c von einer ersten sozialdemokratischen Zusammenkunft 1875 im Lokal von \u201eWollm\u00fcller\u201c in der Lindenstr. Da die Stra\u00dfe bis zur Vereinigung beider Orte de facto die Grenze zwischen Nowawes und Neuendorf war und die Polizei nur \u00f6rtliche Zust\u00e4ndigkeiten hatte, konnten Arbeiter aus Nowawes bei Gefahr so die Stra\u00dfenseite hin nach Neuendorf wechseln und sich dem Zugriff der Nowaweser Ordnungsh\u00fcter entziehen. W\u00e4hrend der Sozialistengesetze war jegliche sozialdemokratische Agitation verboten. Dennoch suchte sich auch die Nowaweser Arbeiterschaft getarnte M\u00f6glichkeiten, sich zu versammeln. Nachgewiesen ist, dass unter dem Deckmantel des Arbeiter-S\u00e4ngervereins \u201eMaibund\u201c seit 1891 in der Wallstr. 55 bei G\u00e4rtner und nachfolgend bei Otto Hiemke sich sozialdemokratische Arbeiter versammelten. Um einer solche \u201estaatsfeindliche Zusammenrottung\u201c zu verhindern \u2013 die Sozialdemokratie war jedoch wieder legal \u2013 griff die Reaktion zu einer Beh\u00f6rdenkeule. So war die Gaststube von Otto Hiemke \u2013 ein einfaches Weberhaus aus dem Jahr 1752 mit Anbauten nach 1874 \u2013 nach Meinung der Baupolizei f\u00fcr die Ansammlung der S\u00e4nger zu niedrig und so sollten die diesbez\u00fcglichen Zusammenk\u00fcnfte untersagt werden. In einer sofortigen Aktion, wurde die Gaststube von Arbeitern durch Bodenaushub niedriger gelegt und somit die Beh\u00f6rde \u201eausgetrickst\u201c. Noch heute kann man beim Abstieg in die Gaststube diese Geschichte erleben. Es ist nicht zuf\u00e4llig, dass die Arbeiter sich bei Hiemke in der Wallstr. am Rande von Nowawes trafen \u2013 dort wo man unter sich war und nicht auf dem polizeilichen Pr\u00e4sentierteller wie in der Linden-, Priester- oder Wihlemstr. Der Mut von G\u00e4rtner und Hiemke ist dennoch hervorzuheben!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Anwachsen des Nowaweser und Neuendorfer Industrieproletariats nahmen die Bed\u00fcrfnisse nach gr\u00f6\u00dferen Versammlungsr\u00e4umen zu. Zwar waren die gro\u00dfen Gastwirtschaften auch immer mit gro\u00dfen S\u00e4le ausgestattet, aber von den Inhabern eher \u201eb\u00fcrgerlichen\u201c und kirchlichen Vereinigungen, die in der Kaiserzeit das \u00f6ffentliche Leben dominierten, \u00fcberlassen. So was das \u201eDeutsche Wirtshaus\u201c und Hilbert`s \u201eZum Kaiserpark\u201c, Klemm`s \u201eGermania-S\u00e4le\u201c (alle in der Wilhelmstr.) \u201eZur Friedensburg\u201c (Goethestr.) in Nowawes eher Heimst\u00e4tte von Kriegsvereinigungen und b\u00fcrgerlichen Gesangsvereinen. \u00c4hnliches l\u00e4sst sich \u00fcber das Neuendorfer Sch\u00fctzenhaus (Gro\u00dfbeerenstr.) oder anf\u00e4nglich auch \u201eZur freien Aussicht\u201c (Bahnhof Drewitz) sagen. Der Wirt des letzteren Lokals, Wilhelm Schulz, wurde von der Polizei so unter Druck gesetzt, dass es eine angemeldete sozialdemokratische Versammlung absagen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Um \u00dcberhaupt eine Chance auf die Nutzung von R\u00e4umen in Gastwirtschaften zu erlangen bildete der sozialdemokratische Wahlverein eine \u201eLokalkommission\u201c. Ihre Aufgabe war die Akquise von Gastr\u00e4umen und auch die Propaganda von \u201eBierverboten\u201c den Lokalen gegen\u00fcber, die Arbeiterversammlungen nicht zulie\u00dfen. Neben der kleinen Gastwirtschaft von Otto Hiemke, wurde seit der Jahrhundertwende der \u201eVolksgarten\u201c (Priesterstr. 31, heute Karl-Liebknecht-Str. 36) zu dem zentralen Versammlungslokal der aufstrebenden Nowaweser Arbeiterbewegung \u2013 und dies noch in der Hauptgesch\u00e4ftsstr. des Ortes! Schon die ersten Inhaber, eine Frau Simon und ein Hr. Bernhard \u00f6ffneten den Arbeiter*innen die Tore. Seit 1905 war mit dem neuen Gastwirt und SPD-Mitglied Robert Godgl\u00fcck schon f\u00fcr jeden Ordnungsh\u00fcter sichtbar, welche Musik im Volksgarten gespielt wurde. Mit der \u00dcbernahme des Lokals durch den bedeutsamen Nowaweser Sozialdemokraten Max Singer war der nunmehrige \u201eSinger`s Volksgarten\u201c bedeutender Veranstaltungsort des sozialdemokratischen Wahlvereins vor dem 1. Weltkrieg. Hier traten u.a. Karl Liebknecht, Wilhelm Pieck und Clara Zetkin auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Andrang und der Bildungshunger der Nowaweser Arbeiterschaft bei gleichzeitiger Ausgrenzung aus den anderen b\u00fcrgerlichen Lokalen war die Lokalkommission des Wahlvereins auf der Suche nach einem zweiten gr\u00f6\u00dferen Veranstaltungslokals. F\u00fcndig wurde man bei den \u201eDeutschen Fests\u00e4len\u201c (Garnstr., Ecke Alt Nowawes). Die der Sozialdemokratie nahestehende Gastwirte Ernst Schmidt und Hermann Wolfgram waren Gastgeber gro\u00dfer Volksversammlungen des sozialdemokratischen Wahlvereins und der Freien Gewerkschaften. Beim Auftritt von Rosa Luxemburg am 13.12.1911 drohte der Saal aus allen N\u00e4hten zu platzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00e4hrlichen Feiern und Umz\u00fcge zum Ersten Mai \u2013 der noch kein arbeitsfreier Tag war \u2013 fanden Anfang und Ende sowohl bei Singer als auch in den \u201eDeutschen Fests\u00e4len\u201c. Die wirtschaftliche Notlage und das Alter einiger Gastwirte f\u00fchrten zur Schlie\u00dfung beider bedeutsamer Versammlungsst\u00e4tten der Nowaweser Arbeiterbewegung in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Der auch kommunalpolitisch aktive Sozialdemokrat Paul Singer, der in und nach der Revolution bei der \u201eEbert-SPD\u201c bleib, gab den Volksgarten auf, kaufte das Nebengeb\u00e4ude und richtete dort \u201eCafe und Konditorei Singer\u201c ein. Die \u201eDeutschen Fests\u00e4len\u201c wurde Heimstatt verschiedener Nowaweser Firmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Revolution 1918\/19 war der Bann der Ausgrenzung der politischen Arbeiterbewegung auch in Nowawes gebrochen, zumal der Zulauf der Arbeitermassen den Gastwirten auch gutes Geld versprach. So nutzenden in den Nachkriegsjahren die USPD als st\u00e4rkste der Arbeiterparteien, aber auch die MSPD und die KPD die gro\u00dfen S\u00e4le im Gesellschaftshaus \u201eZur Turnhalle\u201c in der Auguststr. 47 (Tuchmacherstr.) und \u201eKlemm`s Fests\u00e4le\u201c in der Wilhelmstr. 116 (Alt Nowawes).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu den erw\u00e4hnten gro\u00dfen Gastwirtschaften mit angeschlossenen Fests\u00e4len gab es nat\u00fcrlich auch eine Vielzahl kleiner und kleinster Arbeiterkneipen. Ein Teil von ihnen firmierte&nbsp; als \u201eParteilokal\u201c, da sie sich eine bestimmten politischen Klientel bedienten, weil entweder der Kneipeninhaber selbst politisch engagiert oder zumindest ein Sympathisant war oder weil man es sich eben aus sozio-\u00f6konomischen Gr\u00fcnden mit einer bestimmten politischen Gruppe identifizierte und ihr einen Stammtisch oder ein Hinterzimmer \u00fcberlie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Aspekt d\u00fcrfen wir in der Betrachtung der Kneipen und Schankwirtschaften jedoch nicht vergessen, n\u00e4mlich dass diese sehr stark von den Arbeitern, also von M\u00e4nnern, dominiert wurden und Frauen nur ungen\u00fcgend Zugang zum politischen Leben hatten. Zum einen war die Kneipe eher eine M\u00e4nnerdom\u00e4ne und Frauen im Kneipenleben nicht gern gesehen. Zum anderen konnten sie damit nicht richtig am politischen Leben partizipieren, da sich dieses und das Parteileben von SPD, USPD und KPD sowie anderer politischer Organisationen haupts\u00e4chlich in den Kneipen abspielten. Neben dem in der Gesellschaft allgemein verankerten patriarchalen Ideen sorgte somit das Kneipenleben, vielleicht auch unbewusst, f\u00fcr eine Dominanz der M\u00e4nner in der Politik, w\u00e4hrend die Frauen mit Haushalt und Lohnarbeit nicht nur doppelt belastet waren, sondern h\u00e4ufig auch von zu Hause aus die politische Arbeit ihrer M\u00e4nner unterst\u00fctzen, zum Beispiel in Geldsammlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sich der linke Fl\u00fcgel der st\u00e4rksten Nowaweser Arbeiterpartei, der USPD, 1920 mit der KPD vereinigte und die verbliebenden USPDler*innen 1922 zumeist zur SPD zur\u00fcckgingen, \u2026 hatte auch Auswirkungen auf die \u201eParteilokale\u201c in Nowawes. Die SPD, nunmehr stark gepr\u00e4gt von Facharbeitern, Angestellten und Kommunalbeamten fand sich zu im Eisenbahnerhotel (Eisenbahnstr. 11, heute: Karl-Liebknecht-Str.5) zusammen. Der Inhaber Paul Reinhardt war Sozialdemokrat und der der langj\u00e4hrige SPD-Vorsitzende von Nowawes, Karl Krohnberg, betrieb im Nachbarhaus Nr. 10 eine Buchhandlung mit Zeitungsvertrieb. Als Ausweiche traf sich der SPD-Vorstand auch im Lokal von Otto Gebauer in der Wallstr. 62, dass auch Kommunisten und verschiedenen Arbeiterorganisationen offen stand.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das \u201ekommunistische Milieu\u201c in Nowawes hatten die Arbeiterkneipen ein weit gr\u00f6\u00dfere Bedeutung, zumal sich die lokalen KPD-Strukturen (\u201eZellen\u201c) dort trafen. Im Zuge der Berliner Parteikonferenz der KPD Ende des Jahres 1925 versuchte die Partei nach einigen Misserfolgen, dem gescheiterten Hamburger Aufstand 1923 und den heftigen parteiinternen Auseinandersetzungen eine Neustrukturierung ihrer Parteiarbeit. So sollten nun f\u00fcr die Basisarbeit und die Verankerung in der Arbeiter*innenschaft Betriebszellen reorganisiert werden und dort, wo es keine Mitglieder in gro\u00dfen Betrieben gab, diese in Stra\u00dfenzellen zu organisieren. Die Stra\u00dfenzellen gliederten sich nach den Wohngebieten und galten als die unterste Organisationseinheit der Partei. In Nowawes gab es sechs Stra\u00dfenzellen, die sich sozialr\u00e4umlich auch ihren Treffpunkt, also ihr Parteilokal, ausw\u00e4hlten. Neben der Lage spielte nat\u00fcrlich auch die (politische) Verl\u00e4sslichkeit des Kneipeninhabers eine Rolle, der wiederum das Risiko von politischen, polizeilichen und manchmal auch handfesten Auseinandersetzungen eingehen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die KPD-Zelle 1, mit ihrem r\u00e4umlichen Schwerpunkt um das heutige Alt Nowawes herum, gab es mit der Gastst\u00e4tte von Alfred Pelz in der M\u00fchlenstra\u00dfe 7 ein passendes Lokal. Hier traf sich auch der RFB und wurden auf dem Hof zu bestimmten Festlichkeiten auch Karussell und Preisschie\u00dfen veranstaltet. Im Lokal Pelz hatte auch die Nowaweser Schalmeienkapelle und auch die \u201eRoten Pioniere\u201c und die Kommunistische Jugend trafen sich hier. Die KPD-Zelle 3, die in den Stra\u00dfen um die heutige Karl-Gruhl-Stra\u00dfe aktiv war, konnte auf eine Reihe von kleinen, teilweise auch politischen Lokalit\u00e4ten, verweisen. So traf sich die Zelle zuerst bei Hiemke, sp\u00e4ter dann in der gleichen Stra\u00dfe auch im Parteilokal Ebel in der Wallstra\u00dfe 16 (Karl-Gruhl-Stra\u00dfe) sowie schlie\u00dflich im Lokal Gebauer in der Wallstra\u00dfe 62, welches auch das Stammlokal f\u00fcr den kommunistischen Arbeiter*innensport war. Die KPD-Zelle 6 hingegen, lokal organisiert im Bereich der heutigen s\u00fcdlichen Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe, traf sich in der verrufenen Gegend der sogenannten \u201eMunke\u201c in der Gastst\u00e4tte Donner, die sich in der Gartenstra\u00dfe 13 befand. Warum die KPD-Zellen ihre Parteilokale wechselten, l\u00e4sst sich nur erahnen. Oftmals m\u00f6gen es ganz pragmatische Gr\u00fcnde gewesen sein. Vielleicht war der Raum zu klein, der Stammtisch an andere Personen vergeben oder man \u00fcberwarf sich mit dem Inhaber.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alt Nowawes 118<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der ehemaligen Wilhelmstr. befanden sich schon seit der Jahrhundertwende die \u201eGermaniens\u00e4le\u201c, auch Klemmsche Fests\u00e4le genannt. 1912 ist als Inhaberin Witwe Anna Klemm, geb. Gebauer verzeichnete, 1914 werden die Germanias\u00e4len von Oskar Ihlenfeldt betrieben. 1919 firmieren die S\u00e4le wieder unter Anna Klemm direkt als Parkrestaurant. 1927 \u00fcbernimmt dann Erich M\u00fcller Klemms Fests\u00e4le, wenig sp\u00e4ter seine Frau Ella M\u00fcller. In dieser Zeit nutzte die Nowaweser KPD-Zelle 2 den kleinen Saal als Treffpunkt. 1932 veranstalteten die Nazis mit dem SA-F\u00fchrer Prinz August Wilhelm von Preu\u00dfen eine Wahlkundgebung. Mit einer von der KPD organisierten Gegendemonstration, die am Stempelkeller, dem Nowaweser Arbeitsamt in der Anhaltstr. begann, wurde die Nazi-Kundgebung gesprengt. 1939 zogen dann die Studios von Gustav Althoff, dem Mitbegr\u00fcnder der in den 1920er Jahren gegr\u00fcndeten Aafa in das ehemaliges Lokal ein. Parallel wurde neben dem Lokal mit der Errichtung einer zweiten, gr\u00f6\u00dferen Halle durch den Architekten Benno-Franz Moebus begonnen. Zus\u00e4tzlich existierten noch ein B\u00fcrogeb\u00e4ude, welches die \u00fcblichen Funktionsr\u00e4ume wie B\u00fcros, Werkst\u00e4tten, Garderoben und Fundus enthielt, sowie ein Freigel\u00e4nde f\u00fcr Au\u00dfenaufnahmen welches direkt an den Babelsberger Park grenzte. Da die Ateliers und deren Tr\u00e4ger, die Althoff-Filmatelier-AG, nicht zur Ufa geh\u00f6rten, fielen die Ateliers nach Ende des Krieges nicht unmittelbar unter die Verwaltung durch die Sowjetische Milit\u00e4radministration in Deutschland. Die Ateliers wurden zun\u00e4chst treuh\u00e4nderisch durch den fr\u00fcheren Ufa-Angestellten Rimmler gef\u00fchrt. Bereits 1945 wurde unter Beteiligung von Ernst Kunstmann mit dem Synchronisieren von sowjetischen Filmen begonnen. So wurde bereits am 15. M\u00e4rz 1946 ein Drehbuchvertrag \u00fcber den Film Die M\u00f6rder sind unter uns abgeschlossen und noch im M\u00e4rz mit dem Dreh begonnen. Da der Film haupts\u00e4chlich zerst\u00f6rte Wohnungen als Schauplatz aufwies und somit keinen gro\u00dfen Luxus ben\u00f6tigte, waren die beiden Studios gerade ausreichend. Da die Althoff-Ateliers die einzigen von den Sowjetunion f\u00fcr Filmarbeiten freigegebenen Ateliers waren, fand hier am 17. Mai 1946 auch die offizielle Gr\u00fcndung der \u201eDeutschen Film Aktiengesellschaft\u201c statt. Der sowjetische Oberst Sergei Iwanowitsch Tjulpanow, Leiter der politischen Abteilung der SMAD, \u00fcberreichte dem ersten DEFA-Direktor Hans Klering die Lizenz f\u00fcr den ersten deutschen Produktionsbetrieb. Sp\u00e4ter richtete die DEFA in den ehemaligen Althoff-Ateliers das Studio f\u00fcr Dokumentarfilme ein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gartenstr. 13<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier befand sich das Arbeiterlokal von Fritz Donner, in dem sich auch die KPD-Zelle 6 traf. In gleichen Haus wohnte der Buchdrucker Hans Ulrich, der bei der \u201eRoten Fahne\u201c in Berlin arbeitete. Als Mitglied der USPD ging er mit deren Mehrheit 1920 zur KPD und wurde auf Beschluss der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg 1931 Politischer Leiter der Nowaweser KPD.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gro\u00dfbeerenstr. 171<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lokal von Gustav Thomas, sp\u00e4ter von Fritz Spie\u00df, in dem sich die KPD-Zelle 5 und der kommunistische Einheitsverband der Metallarbeiter, der in Opposition zum Deutschen Metallarbeiterverband stand,&nbsp; traf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Friedrich-Ebert-Platz 3 (Plantagenplatz)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Gast- und Schankwirtschaft von Martin Sch\u00f6tz traf sich ab 1926 f\u00fcr ein Jahr der Rote Frontk\u00e4mpferbund aus Nowawes. Wegen Mitgliederzuwachs zog man aber ab 1927 weiter in die M\u00fchlenstra\u00dfe zu \u201ePelzens\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Gruhl-Str. 55<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Gastwirt Otto Hiemke war ein Urgestein der Nowaweser Arbeiterbewegung. Als Inhaber eines bekannten Arbeiterlokals in der damaligen Wallstr. bot er unterschiedlichen Str\u00f6mungen der Arbeiterbewegung M\u00f6glichkeiten, zusammenzukommen. In der Kaiserzeit firmierte sein Lokal als Vereinslokal des Sozialdemokratischen Wahlvereins Nowawes-Neuendorf. So trafen sich am 3.1.1919 in seinen Gastr\u00e4umen vorwiegend bisherige USPDler, aus dem Singerschen Volksgarten kommend, um eine Ortsgruppe der KPD zu gr\u00fcnden. Auch die Ortsgruppe des RFB soll hier 1924 ihren Anfang genommen haben. Er selbst wurde als Sozialdemokrat 1902 und 1904 in die Gemeindevertretung von Nowawes gew\u00e4hlt. W\u00e4hrend des Kapp-Putsches 1920 wurde er kurzzeitig von der Reaktion als Arbeitervertreter verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Novemberrevolution wohnte hier auch der Fliesenleger und Unabh\u00e4ngige Sozialdemokrat Robert Jahn, der am 9.11.1918 das Rathaus Nowawes besetzte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Gruhl-Str. 62<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Gastwirt Otto Gebauer betrieb in der damaligen Wallstr. 62 ein Arbeiterlokal. Von 1928 bis 1933 war das Lokal Gebauer Treffpunkt von Rot-Sport &#8211; eine Dachorganisation f\u00fcr den eigenst\u00e4ndigen kommunistischen Arbeitersport, so des auch 1928 gegr\u00fcndeten ASV Concordia Nowawes. Nach Information der Kommunistischen Arbeiterzeitung, Organ der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) aus dem Jahre 1929 trafen sich hier auch die KAPDler des 21. Bezirkes an jedem 4. Freitag im Monat um 20.00 Uhr. Das Lokal war gleichfalls Treffpunkt des kommunistischen Einheitsverbandes der Metallarbeiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Liebknecht-Str. 36<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier, in der ehemaligen Priesterstr. 31, befand sich seit der Jahrhundertwende das bedeutende Arbeiterlokal \u201eVolksgarten\u201c. Als erste Inhaberin ist die Witwe Simon verzeichnet, ihr folgt dann Robert Godgl\u00fcck bevor der Sozialdemokrat Max Singer \u00fcbernimmt. Er selbst war Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates Nowawes in der Novemberrevolution und seit 1919 bis 1933 Gemeindevertreter bzw. Stadtverordneter in Nowawes. Schon am 30.4.1899 str\u00f6men die Nowaweser Arbeiter in den Volksgarten zur Volksversammlung \u201eDie Bedeutung des 1- Mai\u201c Am 1.5.1899 findet dann die Gro\u00dfe Maifeier unter Mitwirkung des Gesangvereins \u201eArbeiter-Maibund\u201c statt. 1910 tritt Karl Liebknecht auf: Die preu\u00dfische Reaktion und der Wille des Volkes, Zeitungsbericht \u00fcber eine Rede in Nowawes,[Brandenburger Zeitung Nr. 52 vom 2. M\u00e4rz 1910.] \u201eZu einer eindrucksvollen Kundgebung gegen die preu\u00dfische Reaktion gestaltete sich eine in voriger Woche im Singerschen Lokal in Nowawes abgehaltene Volksversammlung, in welcher der Landtagsabgeordnete Genosse Dr. Karl Liebknecht \u00fcber das Thema \u201ePreu\u00dfen-Deutschlands politische Lage&#8220; referierte. Schon lange vor Beginn der Versammlung war der ger\u00e4umige Saal bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. Um den immer noch heranr\u00fcckenden Scharen Einlass zu verschaffen, mussten Tische und St\u00fchle entfernt werden. Genosse Liebknecht sprach vor zirka 2000 Personen, M\u00e4nnern und Frauen, oft von lebhaftem Beifall unterbrochen\u201c. In der Zeit der Novemberrevolution wohnt hier auch der Weber und Gewerkschaftssekret\u00e4r Paul Wolter, der Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates Nowawes ist und 1919 f\u00fcr die USPD Gemeindevertreter wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Liebknecht-Str. 122<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der am 23.3.1862 geboren und am 30.6.1911 verstorbene f\u00fcr die Nowaweser Arbeiterbewegung so bedeutsame Sozialdemokrat Karl Gruhl war seit 1894 bis zu seinem Tode 1911 Gemeindevertreter. 1905 wurde er 2. Vorsitzender des sozialdemokratischen Wahlvereins Nowawes-Neuendorf .Er galt als der \u201egro\u00dfe Kommunalpolitiker der Vorkriegszeit\u201c und war Gr\u00fcnder der Filiale des Textilarbeiterverbandes in Nowawes. Nach 1900 berieb er als Gastwirt in der damaligen Priesterstr. 69 das Lokal \u201eZur Markthalle\u201c. Die Ehefrau von Karl Gruhl, Alwine Gruhl, die am 3.1.1862 geboren wurde und am 1.10.1932 verstab, wurde 1925 f\u00fcr die SPD in die Stadtverordnetenversammlung von Nowawes gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stahnsdorfer Str. 22<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier befand sich das Lokal \u201eBirkenw\u00e4ldchen\u201c des Gastwirtes Walter Martin. Es war Treffpunkt der KPD-Zelle 5.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tuchmacherstr. 47<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier stand das Gesellschaftshaus \u201eTurnhalle\u201c. Im Sommer 1932 fand dort eine gro\u00dfe, aber auch einzige Einheitsfrontkundgebung von KPD und SPD statt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeit f\u00fcllte zwar den haupts\u00e4chlichen Teil des Lebens von Arbeiter*innen aus, doch mit dem Sonntag, den verschiedenen Feiertagen und vor allem mit der Verk\u00fcrzung des Arbeitstages, erreicht durch jahrelange K\u00e4mpfe und Streiks der Arbeiter*innen, konnte auch die Zeit des Feierabends freier gestaltet werden. 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