{"id":1517,"date":"2020-11-25T09:26:57","date_gmt":"2020-11-25T07:26:57","guid":{"rendered":"http:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1517"},"modified":"2020-11-25T09:27:46","modified_gmt":"2020-11-25T07:27:46","slug":"von-der-weberkolonie-zum-roten-nowawes","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1517","title":{"rendered":"Von der Weberkolonie zum Roten Nowawes"},"content":{"rendered":"\n<p>Um die Geschichte des Roten Nowawes verstehen und im gesamten zeithistorischen Kontext einbetten zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir einen Blick zur\u00fcck zur Gr\u00fcndung der Weberkolonie werfen. K\u00f6nig Friedrich II. erteilte 1750 den Befehl, eine Kolonie von Webern auf einer Sandscholle vor dem Teltower Tor zu gr\u00fcnden. Das gesamte Gebiet geh\u00f6rte zu dem k\u00f6niglichen Forst und war von der Feldmark Neuendorf, dem 1375 erstmalig erw\u00e4hnten Angerdorf nahe der Nuthe, umschlossen. Planungshoheit bei Bau und Ansiedlung der Kolonisten bekam der damalige Potsdamer Stadtkommandant General Wolf Friedrich von Retzow. Bereits 1753 gab es in der Ortschaft 150 bescheidene Fachwerk-Doppelh\u00e4user, in denen zumeist b\u00f6hmische Spinner und Weber wohnten, die haupts\u00e4chlich wegen ihres protestantischen Glaubens und der Gegenreformation ihre b\u00f6hmische Heimat verlassen mussten. (vgl. Nowawes im \u00dcbergang von der handwerklichen zur industriellen Produktion, S. 11-13) <\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Stra\u00dfen, um die sich die Weberkolonie formierte, waren die Alte Lindenstra\u00dfe (jetzt Rudolf-Breitscheid- und Benzstra\u00dfe), die Priesterstra\u00dfe (jetzt Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe) und die Waldstra\u00dfe (sp\u00e4ter Wallstra\u00dfe, heute Karl-Gruhl-Stra\u00dfe). Damit bildete sich um den Kirchplatz (Weberplatz) ein dreieckiges Ortszentrum. (vgl. 250 Jahre Weberkolonie Nowawes\/Babelsberg, S. 29) Zu jedem der eingeschossig erbauten Zwei-Familien-H\u00e4user geh\u00f6rte der Stra\u00dfe nach hinten abgewendet Gartenland. Nach dem Siebenj\u00e4hrigen Krieg wurden vorwiegend Bauhandwerker aus der Schweiz, aus W\u00fcrttemberg und Nassau angeworben und in der f\u00fcr sie erbauten Neuen Lindenstra\u00dfe (heute Alt Nowawes) angesiedelt. 1780 lebten schon 1.500 Menschen im Ort. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war das Werben von Fachkr\u00e4ften alles andere als leicht und konnte erst durch bestimmte Zugest\u00e4ndnisse bzw. durch Befreiungen von sonst \u00fcblichen Belastungen geschehen. Ver\u00e4nderungen in der Produktionsweise der Textilherstellung von der Einzelweberei \u00fcber das Verlegerwesens, der Manufaktur hin zur industriellen Produktion und einer versch\u00e4rften Kostenkonkurrenz f\u00fchrten in der Folgezeit zu prek\u00e4ren Arbeits- und Einkommenssituationen der eher traditionell produzierenden Weberei. Armut und Hunger waren ein st\u00e4ndiger Begleiter und sorgten bereits Ende des 18. Jahrhunderts zu ersten spontanen Aktionen gegen die Willk\u00fcr der Manufakturbesitzer. (vgl. Zur Geschichte der Weber und Spinner von Nowawes, S. 28) <\/p>\n\n\n\n<p>Die Unruhen am 11. Dezember 1785 wurden in einem Kammerbericht sogar als \u201e\u00f6ffentlicher Aufstand\u201c bezeichnet. Dem Weber Wentzel Wessely, der sich den Reglements des Manufakturbesitzers Wolff und den k\u00f6niglichen Anordnungen widersetzte, drohte man mit Gef\u00e4ngnis auf der Feste Spandau, seine Garnvorr\u00e4te wurden konfisziert und er floh. (siehe: Neuendorf-Nowawes-Babelsberg, S. 38) August Wichgraf, K\u00f6niglicher Regierungsrat, machte sich zwar um die sozialen Belange der Weber verdient, konnte aber letztlich nur wenig Verbesserungen durchsetzen. In seiner 1862 erschienenen \u201eGeschichte der Weber-Colonie Nowawes\u201c schrieb er: \u201eVor den Thoren Potsdam\u2019s, der zweiten Residenzstadt des Preu\u00dfischen Staates, und am Fu\u00dfe des von Sr. Majest\u00e4t dem K\u00f6nig bewohnten Babelsberges liegt, im traurigen Contraste zu dem Sitz des h\u00f6chsten Glanzes und Reichtums, die Colonie Nowawes, ein armes Weberdorf\u2026\u201c, in der nur Not und Elend herrschte und in Zeiten des Stillstandes die Weber als Bettler auf dem Lande und den benachbarten St\u00e4dten umherzogen. (siehe: Geschichte der Weber-Colonie Nowawes\u2026, S.1) <\/p>\n\n\n\n<p>Dem&nbsp;Elend der Weber*innen&nbsp;etwas entgegenzusetzen war das Ansinnen des k\u00f6niglichen Verwaltungsbeamten August Wichgraf, der eine Weberschule gr\u00fcndete. Der zunehmende Bedarf nach einheimischen Textilprodukten nach der Reichseinigung 1871, aber auch der Stadtrandwanderung bisheriger Berliner Industrie in Richtung S\u00fcdwesten f\u00fchrte z.B. mit der Mechanischen Jute- und Hanfweberei von Louis Nathan, der Deutschen Jutespinnerei und Weberei, der Norddeutsche Wollk\u00e4mmerei &amp; Kammgarnspinnerei und der Seidenweberei Michels &amp; Cie. zu neuen Investitionen, die aufgrund der Enge der Nowaweser Kolonie vor allem auf Neuendorfer Gemarkung realisiert wurden. Mit der Ansiedlung der Lokomotivfabrik von Orenstein &amp; Koppel 1898 an der Neuendorfer Ahornstr. am Bahnhof Drewitz wurde der traditionelle Industrialisierungspfad verlassen und die metallverarbeitende Industrie zum Hauptarbeitgeber der n\u00e4chsten Jahrzehnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Umw\u00e4lzungen in der Arbeitswelt der Neuendorfer*innen und Nowaweser*innen f\u00fchrten auch zu einer st\u00e4rkeren Politisierung der Arbeiter*innenschaft im Gegensatz zum b\u00fcrgerlich-konservativ gepr\u00e4gten Potsdam. Die Sozialdemokratie und die mit ihr eng verbundene Gewerkschafts-, Konsum-, Arbeiterkultur- und Arbeitersportbewegung wurde in der Kaiserzeit zu einer zunehmenden und kampfstarken Kraft in der t\u00e4glichen Auseinandersetzung um Arbeit und Leben in Nowawes. Sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt pr\u00e4gte sich auch die Begrifflichkeit des \u201eRoten Nowawes\u201c \u2013 auch gegen\u00fcber dem \u201eSchwarzen\u201c (d.h. kaisertreuen, monarchistischen und militaristischen) Potsdam, wo es bis auf das RAW kaum Industriebetriebe gab. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sozialdemokratie und innerparteilichen Auseinandersetzungen im 1. Weltkrieg und in der nachrevolution\u00e4ren Zeit f\u00fchrten zu einer breiten Auff\u00e4cherung der Farbe \u201eRot\u201c. Dennoch blieb Nowawes, trotz allen zum Teil auch scharf ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Arbeiterparteien, bis 1933 zu einer weitgehenden Hegemonie linker Kommunalpolitik. Neben der Kommunalpolitik pr\u00e4gten soziale Proteste und unz\u00e4hligen Streiks den Alltag. Erw\u00e4hnt sind hier unter anderem die Aktionen im Kontext der Novemberrevolution oder zur Niederschlagung des Kapp-Putsches, aber auch die sogenannten Teuerungsunruhen wegen der Erh\u00f6hung der Lebensmittelpreise oder die zahlreichen antifaschistischen Agitationen in den 1930er Jahren gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Zur Wahrheit geh\u00f6rt aber auch, dass diese Hegemonie auch in Nowawes den Aufstieg der Nazis nicht verhindern konnte, auch wenn sie bis 1933 politisch nicht selbst in Erscheinung traten. <\/p>\n\n\n\n<p>Das gemessen an ihren Bauern relativ reiche Neuendorf und das arme, aber gr\u00f6\u00dfere Nowawes, vereinigten sich 1907 zur Landgemeinde Nowawes im Kreis Teltow. Der Ort erhielt am 1. April 1924 das Stadtrecht. Im Jahre 1938 wurde Neubabelsberg, die ab 1871 entstandene Villenkolonie, eingemeindet, bei gleichzeitiger Umbenennung der gesamten Stadt in Babelsberg. Den Nationalsozialisten war der Name nicht Deutsch genug, auch der Mythos des Roten Nowawes, der Unruheherd mit seiner starken Arbeiter*innenbewegung, wird vermutlich ausschlaggebend f\u00fcr die Umbenennung gewesen sein. 1939 ging der Ort im Stadtgebiet Potsdam auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Die sozialen und politischen Gegens\u00e4tze innerhalb der Nachbargemeinden Neuendorf, Nowawes und Neubabelsberg, aber vor allem die grunds\u00e4tzlich verschiedene historische und sozio\u00f6komische Entwicklung zwischen Nowawes und Potsdam, hier Industriestandort, dort preu\u00dfische K\u00f6nigsresidenz und Garnisonstadt, sind wesentlicher Bestandteil der Forschungen der Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geschichte der Weber-Colonie Nowawes bei Potsdam, Berlin 1862 <\/p>\n\n\n\n<p>Zur Geschichte der Weber und Spinner von Nowawes 1751-1785, Potsdam 1965<\/p>\n\n\n\n<p>Neuendorf-Nowawes-Babelsberg, Stationen eines Stadtteils, Horb am Neckar 2000 <\/p>\n\n\n\n<p>250 Jahre Weberkolonie Nowawes\/Babelsberg, Potsdam 2000 <\/p>\n\n\n\n<p>Nowawes im \u00dcbergang von der handwerklichen zur industriellen Produktion (1810-1907), Potsdam 2009<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Neuendorf_und_Nowawes_Urmesstischblatt_3644_Potsdam_1835-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1518\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Neuendorf_und_Nowawes_Urmesstischblatt_3644_Potsdam_1835-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Neuendorf_und_Nowawes_Urmesstischblatt_3644_Potsdam_1835-300x200.jpg 300w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Neuendorf_und_Nowawes_Urmesstischblatt_3644_Potsdam_1835-768x511.jpg 768w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Neuendorf_und_Nowawes_Urmesstischblatt_3644_Potsdam_1835.jpg 1039w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Nowawes auf Messtischblatt (1835), Quelle: Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die Geschichte des Roten Nowawes verstehen und im gesamten zeithistorischen Kontext einbetten zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir einen Blick zur\u00fcck zur Gr\u00fcndung der Weberkolonie werfen. 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