{"id":1669,"date":"2021-06-16T13:02:36","date_gmt":"2021-06-16T11:02:36","guid":{"rendered":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1669"},"modified":"2021-06-16T13:05:22","modified_gmt":"2021-06-16T11:05:22","slug":"das-obdachlosenheim-in-nowawes","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1669","title":{"rendered":"Das Obdachlosenheim in Nowawes"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Zuge der Bismarck\u2019schen Sozialpolitik, die durchaus als eine Strategie gem\u00e4\u00df dem Motto \u201eTeile und Herrsche\u201c gesehen werden kann, entwickelte sich mit der Reichsgr\u00fcndung ab 1871 eine Vielzahl staatlicher sozialpolitischer Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Arbeiter und Kranken. So konnten Gesetze wie das \u201eGesetz die gewerblichen Unterst\u00fctzungskassen betreffend\u201c aus dem Jahr 1854, in dem die Gemeinden zur Gr\u00fcndung von gewerblichen Kassen gezwungen wurden (Vorl\u00e4ufer der Ortskrankenkasse) oder das \u201eGesetz, betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter\u201c von 1883, welches gemeinhin als das erste Sozialversicherungssystem gilt, beschlossen werden. (vgl. Sozialpolitik kompakt, S. 23-25) Zwar wurde der erste Schritt in eine moderne Sozialpolitik vollzogen, doch die Gesetze und ihre Leistungen waren f\u00fcr die Arbeiter mehr als bescheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die soziale Frage war damit aber l\u00e4ngst nicht beantwortet. Ein Gro\u00dfteil der Ma\u00dfnahmen bezog sich auf den Schutz der Industriearbeiterschaft. Die sozialpolitischen Ma\u00dfnahmen sind also immer unter dem Blickwinkel der Produktivit\u00e4t zu sehen. Zwar f\u00fchrte die Verbesserung der Arbeitszeitregelungen sowie allgemein eine bessere Nahrungsmittelversorgung, \u00f6ffentlicher Hygiene und Fortschritte in der Medizin zu einer erh\u00f6hten Lebenserwartung. Das bedeutete jedoch nicht gleich eine Verbesserung der Lebenssituation. Verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen wie \u00e4ltere Personen, Hinterbliebene, also kurz die Familien, blieben abseits der Sozialpolitik. Der Erste Weltkrieg versch\u00e4rfte gar die Situation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrungen aus dem Kaiserreich und dem Ersten Weltkrieg sorgten daf\u00fcr, dass die Sozialpolitik zum Teil Verfassungsrang bekam. Damit ging es in der Sozialpolitik erstmals auch um Vorsorge und nicht nur um Entsch\u00e4digung. \u201eBereits 1922 wurde mit dem Jugendwohlfahrtsgesetz (nach erheblichen Leistungseinschr\u00e4nkungen allerdings erst 1924 in Kraft getreten) ein wichtiger Schritt zur Bek\u00e4mpfung der Armut getan: Die Jugendf\u00fcrsorge wurde aus der allgemeinen Armenf\u00fcrsorge in ein eigenes System \u00fcberf\u00fchrt: Ziel war nicht mehr ausschlie\u00dflich die Sicherung eines existenzminimalen Lebensstandards, sondern die F\u00f6rderung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit und der Erwerb der Kompetenzen, die f\u00fcr eine dauerhafte Integration in das soziale Leben als n\u00f6tig erachtet wurden.\u201c (vgl. <a href=\"https:\/\/www.socialnet.de\/lexikon\/Geschichte-der-Armut\">https:\/\/www.socialnet.de\/lexikon\/Geschichte-der-Armut<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfes Problem der ersten Jahre war jedoch die massenhaft verbreitete Armut in der ganzen Bev\u00f6lkerung. Mit den \u201eGrunds\u00e4tzen \u00fcber Voraussetzung, Art und Ma\u00df \u00f6ffentlicher F\u00fcrsorgeleistungen\u201c vom 4. Dezember 1924 suchte die Regierung dieses Problem zu l\u00f6sen. Die Armenf\u00fcrsorge blieb zwar weiterhin Sache der Kommunen, auch die Festlegung der H\u00f6he von Geldleistungen. Aber die Kommunen sollten ihre Leistungen in vier Stufen gliedern, unterteilt nach Hilfebed\u00fcrftigen im Allgemeinen: die sogenannten \u201eArbeitsscheuen\u201c und unwirtschaftlichen Hilfsbed\u00fcrftigen, die Kleinrentner, Sozialrentner und ihnen Gleichgestellte sowie die Kriegsopfer. (vgl. Geschichte der Armenf\u00fcrsorge in Deutschland, Bd. 2: F\u00fcrsorge und Wohlfahrtspflege 1871 bis 1929, S.\u202f173).<\/p>\n\n\n\n<p>Als ein Novum kann das 1927 verabschiedete \u201eGesetz \u00fcber Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung\u201c bezeichnet werden. In nicht einmal zehn Jahren hatte es die Weimarer Republik geschafft, trotz wechselnder Regierungen, das soziale Sicherungsnetz weiterzuentwickeln und zu modernisieren. War man am Anfang noch von einer sehr niedrigen Zahl zu erwartender Arbeitsloser ausgegangen, sollte sich dies sp\u00e4testens mit der Weltwirtschaftskrise 1929 \u00e4ndern. \u201eAm Ende der wirtschaftlichen Depression und der Deflationspolitik ab 1932 war die Sozialpolitik illiquid.\u201c (vgl. Sozialpolitik kompakt, S. 33) Das Ende ist bekannt, die NSDAP konnte auf der Welle der politischen und wirtschaftlichen Unzufriedenheit mitschwimmen und Hitler im Jahr 1933 schlie\u00dflich Reichskanzler werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zur Sozial- und F\u00fcrsorgepolitik und unserem speziellen Thema, der Obdachlosigkeit. \u201eIm sp\u00e4ten 19. Jahrhundert avancierte Obdachlosigkeit zum Massenph\u00e4nomen. Davon besonders betroffen waren exmittierte, das hei\u00dft aus ihren Wohnungen ausgesetzte Familien in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten, mittel- und arbeitslose M\u00e4nner aus l\u00e4ndlichen wie st\u00e4dtischen Regionen sowie aus ihren Stellungen entlassene Dienstm\u00e4dchen.\u201c (Aus Politik und Zeitgeschichte &#8211; Wohnungslosigkeit, S. 23) So errichteten fast alle St\u00e4dte Obdachlosenasyle, teils in Eigenregie, teils in Kooperation mit konfessionellen Tr\u00e4gern. Doch auch hier galt, wie oben bereits angedeutet, \u201eArbeit statt Almosen\u201c bzw. stand die Produktivit\u00e4t im Vordergrund. Gegen Arbeit konnten arme Menschen und Obdachlose soziale Leistungen wie Kost und Logie in Anspruch nehmen. \u00c4hnliche Erfahrungen dazu gab es ja bereits in Nowawes mit der Verarmung der Weber*innen und folgenden Sozialprogrammen, wie den Bau von Stra\u00dfen und Eisenbahntrassen als Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahme mit Essensausgabe sowie der Bau einer Weberschule.<\/p>\n\n\n\n<p>Exmittierte obdachlose Familien standen im Kaiserreich und sp\u00e4ter in der Weimarer Republik vor zwei Problemen: In die Einrichtungen konnten sie weder ihr Mobiliar mitnehmen noch konnten sie als Familie zusammenbleiben. In den gro\u00dfen St\u00e4dten war die Wohnungsnot zu so einem gro\u00dfen Problem geworden, dass auf freien Pl\u00e4tzen illegale Bretterbuden und gar ganze Viertel entstanden. Es begann die Diskussion \u00fcber die Schaffung von geordneten Quartieren und Unterkunftsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Wohnungslose. Zur Versch\u00e4rfung kam es dann mit den sozialen Problemlagen wie Armut und Arbeitslosigkeit, aber auch dem Gesch\u00e4ft von Vermieter*innen mit Wohnungen. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der sogenannten R\u00e4umungsschuldner*innen. Die Wohnungen mussten aufgrund von Gerichtsurteilen aufgegeben und verlassen werden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gemeinden begannen daher zunehmend, spezielle Obdachlosenwohnungen bzw. Einrichtungen zu bauen. Diese entstanden f\u00fcr obdachlose und r\u00e4umungspflichtige Familien, aber auch f\u00fcr die zahlreichen Arbeitswanderer. Viele St\u00e4dte gingen deshalb zur Errichtung von \u201eObdachlosen-Wohnungen\u201c \u00fcber, also Wohnungen, die von der Kommune angemietet wurden. In Nowawes soll es solche Wohnungen laut einiger Berichte in der Semmelwei\u00dfstra\u00dfe auf H\u00f6he des heutigen Stadions gegeben haben. Eine andere M\u00f6glichkeit war der Bau von Heimen. Diese abgegrenzten Einrichtungen \u201elagen meist in sozialgeographisch extrem benachteiligten Vierteln oder weit au\u00dferhalb des eigentlichen Stadtraumes.\u201c (vgl. Exmissionen und Obdachlosenwohnungen, S. 50) Exemplarisch hierf\u00fcr steht das Nowaweser Heim, dass am Stadtrand in der Gartenstra\u00dfe in der N\u00e4he der \u00f6rtlichen Kl\u00e4ranlage entstand. Das Heim lag am Rande der Stadt, jedoch in der N\u00e4he verschiedener Industriebetriebe und Kleingartenanlagen, in einer noch Jahrzehnte verrufen geltenden Gegend, in der viele sozialschwache Personen lebten und die unter dem Namen \u201eMunke\u201c bekannt war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So geht auch J\u00f6rg Limberg in einem Fachartikel der Zeitschrift der Brandenburgischen Denkmalpflege auf den sozialen Wohnungsbau in Nowawes und die \u201eMunke\u201c genannte Gegend ein. Nach dem Bau von mehreren Siedlungen wie der Gro\u00dfen Sandscholle zwischen Stahnsdorfer Stra\u00dfe, Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe und UFA-Gel\u00e4nde, sowie weiteren Reihenh\u00e4usern in der Stahnsdorfer Stra\u00dfe und am Rotdornweg Anfang der 1920er Jahre, erfolgte ab 1926 eine Wohnanlage in der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe in Form von dreigeschossigen Wohnh\u00e4usern. Auch am Findling und in der Kopernikusstra\u00dfe sowie Pestalozzistra\u00dfe setzte ab 1927\/28 eine rege Baut\u00e4tigkeit ein. Limberg zitiert in einer Quelle den Nowaweser B\u00fcrgermeister Rosenthal, dass die Stadt Nowawes bis 1930 1279 Wohnungen geschaffen habe, davon 456 mit der Stadt als Bauherrin.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur \u201eMunke\u201c f\u00fchrt Limberg in seinem Artikel vor allem aus architektonischen Gr\u00fcnden aus, die uns aber einen Einblick in die soziale Verortung der Gegend geben, denn auch zwei andere H\u00e4user dienten dort der Wohnungsunterbringung f\u00fcr sozial schwache Personen: \u201eZwischen 1928 und 1931 entstanden in der Gartenstra\u00dfe drei zentralbeheizte Wohnh\u00e4user f\u00fcr `leistungsschwache und asoziale Mieter\u00b4 nach Entwurf des Nowaweser Stadtbaumeisters Kuhnert. Der erste Bau, ein Obdachlosenheim, hatte Einbett- und Zweibettzimmer mit einfachster Ausstattung, Desinfektionsraum, W\u00e4rterzimmer und Aufnahmeb\u00fcro. Trotz des sparsamen Materialeinsatzes war den Geb\u00e4uden in ihrer Mischung aus Kalksandsteinen und gliedernden Partien aus rotem Backstein ein hoher Gestaltungsanspruch anzusehen.\u201c (vgl. Potsdam. Moderne und Tradition. Zur Baukunst von 1919 bis 1933, S. 43)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAnf\u00e4nglich waren alle Beteiligten, Wohnungspolitiker wie F\u00fcrsorgeexperten, \u00fcberzeugt, eine m\u00f6glichst einfache, ja primitive Gestaltung und Einrichtung der Obdachlosenwohnungen werde in den dort untergebrachten Familien den Wunsch nach R\u00fcckkehr in Unterk\u00fcnfte des normalen Wohnungsbestandes wachhalten und entsprechende Initiativen ausl\u00f6sen. Schon deshalb, aber auch im Interesse m\u00f6glichst niedriger Baukosten entstanden die meisten Obdachlosenwohnungen durch notd\u00fcrftige Umbauten &#8211; etwa von Kasernen oder stillgelegten Fabriken &#8211; sowie in Gestalt von Baracken. Statt einer normalen Miete verlangten die Gemeinden eine `Benutzungsgeb\u00fchr\u00b4, um den besonderen transitorischen Charakter der Unterkunft zu betonen. Hinzu traten ausgefeilt strenge Hausordnungen, mit denen die Bewegungsfreiheit der Wohnungsinsassen teilweise entscheidend eingeschr\u00e4nkt wurde. Einige Kommunen vollendeten diese Tendenz zur `anstaltsm\u00e4ssigen Unterbringung\u00b4, indem sie die R\u00e4ume einheitlich mit einfachen M\u00f6beln ausstatteten. Die einziehenden Familien sahen sich gezwungen, ihre eigene Wohnungseinrichtung einzulagern.\u201c (vgl. Exmissionen und Obdachlosenwohnungen, S. 50-51)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele Gemeinden war das Problem der Wohnungslosigkeit mit den einfachen Unterk\u00fcnften aber nicht gel\u00f6st. Die Aufenthaltsdauer der Personen \u00fcberstieg der Vorstellungen der Kommunen. \u201eInspiriert von f\u00fcrsorgerischen Bedenken \u00fcber die negativen Folgen eines jahrelangen Aufenthalts in primitiven Notwohnungen errichteten sie f\u00fcr die Obdachlosen nur noch Unterk\u00fcnfte, die zwar einfach ausgestattet und r\u00e4umlich beengt, aber doch solide gebaut und auch zur dauerhaften Bewohnung gedacht waren.\u201c (vgl. Exmissionen und Obdachlosenwohnungen, S. 52) So scheint es auch in Nowawes gewesen zu sein, denn das Obdachlosenheim war ein solider Bau und die Beschreibungen deuten auf eine Ausrichtung f\u00fcr l\u00e4ngere Aufenthalte hin. Hierf\u00fcr sprechen d\u00fcrfte auch der soziale Schwerpunkt in der Nowaweser Kommunalpolitik. Oftmals wurden die Familien, die regelm\u00e4\u00dfig die Geb\u00fchr bzw. Miete zahlten und sich ordnungsgem\u00e4\u00df verhielten, auf dem Wohnungsamt bevorzugt. Bekannt ist dies auch unter dem Begriff des \u201eErziehungswohnens\u201c (siehe auch im folgenden Artikel der Arbeiterwohlfahrt). F\u00fcr die Stadt Nowawes war das Problem der Obdachlosen und des fehlenden Wohnraums jedoch ein permanentes Problem. Die H\u00e4user, mittlerweile saniert, sind noch heute in der Gartenstra\u00dfe zu sehen, das ehemalige Heim mit der Gartenstra\u00dfe 55.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden dokumentieren wir einen Artikel von Paul Fleischmann, der einen Aufsatz in der \u201eArbeiterwohlfahrt\u201c ver\u00f6ffentlichte. Die \u201eArbeiterwohlfahrt\u201c war das Organ mit fachspezifischen Artikeln der F\u00fcrsorge, das vom Hauptausschuss f\u00fcr Arbeiterwohlfahrt herausgebenden wurde. Der Artikel beleuchtet aus damaliger Sicht die Schaffung eines f\u00fcr seinerzeitige Verh\u00e4ltnisse modernen Obdachlosenheims. Der Politiker Fleischmann war seit 1907 Mitglied der SPD und war von 1925 bis 1933 Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung von Nowawes. 1928-1933 leitete er das Arbeitsamtes Potsdam-Nowawes. Nach dem zweiten Weltkrieg war er unter anderem Berliner Senator f\u00fcr Arbeit und Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Weitere Informationen zu Paul Fleischmann gibt es in der Personenliste unserer Webseite.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sozialpolitik kompakt (Hrsg: Frevel, Dietz), Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, 2004<\/p>\n\n\n\n<p>Geschichte der Armut (Huster): <a href=\"https:\/\/www.socialnet.de\/lexikon\/Geschichte-der-Armut\">https:\/\/www.socialnet.de\/lexikon\/Geschichte-der-Armut<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Geschichte der Armenf\u00fcrsorge in Deutschland, Bd. 2: F\u00fcrsorge und Wohlfahrtspflege 1871 bis 1929 (Hrsg: Sach\u00dfe, Tennstedt), Verlag Kohlhammer, 1988<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Politik und Zeitgeschichte \u2013 Wohnungslosigkeit, Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, 2018<\/p>\n\n\n\n<p>Exmissionen und Obdachlosenwohnungen \u2013 Die kommunale F\u00fcrsorge f\u00fcr obdachlose Familien in der Weimarer Republik (Karl Christian F\u00fchrer), In: Archiv f\u00fcr Kommunalwissenschaften, Verlag Kohlhammer, 1996<\/p>\n\n\n\n<p>Potsdam. Moderne und Tradition. Zur Baukunst von 1919 bis 1933 (J\u00f6rg Limberg), In: Brandenburgische Denkmalpflege, Heft 2, 2011<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Arbeiterwohlfahrt, 1. Januar 1930, 1. Heft (online einsehbar in der digitalen Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Obdachlosenheim der Stadt Nowawes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von P. Fleischmann<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Erla\u00df des preu\u00dfischen Innenministers vom 6. Juni 1928 wurde mit Wirkung ab 1. Juli 1928 die Obdachlosenpolizei auf die kommunal-beh\u00f6rdlichen Polizeiverwaltungen zur selbst\u00e4ndigen Erledigung \u00fcbertragen. Von diesem Zeitpunkt ab mu\u00dften also die Kommunen, denen die Asylpflicht bisher von der staatlichen Polizei abgenommen war, Einrichtungen schaffen, um dieser Pflicht selbst zu gen\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Frage kommt \u00fcberwiegend die F\u00fcrsorge f\u00fcr zwei Gruppen von Obdachlosen. Einmal die F\u00fcrsorge f\u00fcr die sogenannten Wanderer und Durchreisenden und weiter die F\u00fcrsorge f\u00fcr zwangsweise ausgemietete Personen oder Familien. Die Unterbringung beider Gruppen ist selbstverst\u00e4ndlich nach verschiedenen Gesichtspunkten durchzuf\u00fchren. Ma\u00dfgebend f\u00fcr beide mu\u00df jedoch sein, da\u00df diese bedauernswerten Opfer der menschlichen Gesellschaft ein Unterkommen erhalten, das den heutigen Anspr\u00fcchen f\u00fcrsorgerischer T\u00e4tigkeit entspricht. F\u00fcr uns als Sozialisten lag dadurch die Notwendigkeit vor, ein Heim zu schaffen, welches im betonten Gegensatz zu dem noch im nahen Potsdam bestehenden Obdachlosenheim stand. Diesen ist leider entsprechend der in Potsdam noch heute bestehenden Auffassung \u00e4u\u00dferst primitiv gestattet. Kein Desinfektionsraum, kein Baderaum, nur blanke Holzpritschen, wo sich die heimatlosen Wanderer in ihren Kleidungsst\u00fccken nebeneinander niederlegen. Wenn auch in Nowawes jeder Luxus vermieden werden sollte, so mu\u00dfte doch eine Einrichtung geschaffen werden, die dem Wort \u201eHeim\u201c eine gewisse Berechtigung gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Da vorhandene R\u00e4ume f\u00fcr die Einrichtung dieses Heimes nicht zur Verf\u00fcgung standen, mu\u00dfte an einen Neubau herangegangen werden. Durch Beschlu\u00df der Stadtverordnetenversammlung am 9. Januar v. J. wurden zun\u00e4chst 55000 RM. zur Verf\u00fcgung gestellt, wozu noch eine Nachbewilligung von 6000 RM. f\u00fcr den weiteren Ausbau der oberen R\u00e4ume und rund 6000 RM. f\u00fcr die innere Einrichtung hinzukam. Der Neubau konnte so gef\u00f6rdert werden, da\u00df er Ende September seiner Bestimmung \u00fcbergeben werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend der doppelten Aufgabe, die der Neubau erf\u00fcllen sollte, sind die R\u00e4ume sehr zweckentsprechend verteilt worden. Im Keller- und Parterregescho\u00df befinden sich, durch einen besonderen Eingang erreichbar, die Bade-, Desinfektions- und Schlafr\u00e4ume f\u00fcr Durchreisende und Wanderer. Im ersten Stock und im ausgebauten Dachgescho\u00df sind 16 Einzelzimmer zur Unterbringung zwangsweise ausgemieteter Personen und Familien eingerichtet. Im Parterregescho\u00df befindet sich au\u00dferdem noch die Wohnung f\u00fcr den Hausmeister, dem gleichzeitig die Betreuung und Verpflegung der Durchreisenden obliegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00e4ume f\u00fcr Durchreisende und Wanderer sind mit Zentralheizung und flie\u00dfendem Wasser ausgestattet. Es sind besondere R\u00e4ume f\u00fcr M\u00e4nner mit 20 Betten, f\u00fcr Frauen mit 6 Betten und f\u00fcr Jugendliche mit ebenfalls 6 Betten vorhanden. Jedes Bett ist mit Unterlegmatratze versehen, dar\u00fcber hinaus stehen f\u00fcr jede Bettstatt 2 Decken zur Verf\u00fcgung. Da\u00df die Aufenthaltsr\u00e4ume au\u00dferdem mit Tischen, B\u00e4nken, St\u00fchlen und elektrischem Licht usw. ausger\u00fcstet sind, braucht wohl nicht besonders betont zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Durchreisende mu\u00df das im Kellergescho\u00df befindliche Bad benutzen, seine Kleidungsst\u00fccke werden desinfiziert. Nach dem Baden erh\u00e4lt er Kittel und Pantoffeln f\u00fcr den Schlafraum. Die bisher gew\u00e4hrte Reiseunterst\u00fctzung wird seit Einrichtung des Heims nicht mehr gew\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Abgeltung daf\u00fcr erhalten die Heimbenutzer des Morgens eine gut zubereitete Suppe. Das Heim steht von nachmittags 5 Uhr den Wanderern zur Verf\u00fcgung. Da\u00df die hellen, freundlichen R\u00e4ume, die moderne hygienische Einrichtung Anklang gefunden haben, beweist wohl am besten den Umstand, da\u00df schon um 8 Uhr das Heim fast jeden Abend voll besetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die im ersten Stock und im ausgebauten Dachgescho\u00df eingerichteten Einzelzimmer f\u00fcr zwangsweise ausgemietete Personen und Familien sind ebenfalls freundliche, jedoch einfach eingerichtet. Jedes Zimmer ist ungef\u00e4hr 15 qm gro\u00df, ist heizbar und hat Kocheinrichtung. Bei Zurverf\u00fcgungstellung dieser R\u00e4ume mu\u00df leider sehr stark darauf Bedacht genommen werden, da\u00df die von der Stadt eingerichteten, f\u00fcr Notzwecke vorgesehenen R\u00e4ume nicht von asozialen Elementen \u00fcber Geb\u00fchr in genommen werden. R\u00e4ume dieser Art sollen auch einen gewissen erzieherischen Zweck erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem kann wohl gesagt werden, da\u00df das in der Gartenstra\u00dfe entstandene Geb\u00e4ude ein Zweckbau ist, der der f\u00fcrsorgerischen Ma\u00dfnahme gerecht wird, aber auch jede unberechtigte Benutzung ausschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"530\" height=\"597\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Das-Obdachlosenheim-der-Stadt-Nowawes.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1671\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Das-Obdachlosenheim-der-Stadt-Nowawes.jpg 530w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Das-Obdachlosenheim-der-Stadt-Nowawes-266x300.jpg 266w\" sizes=\"auto, (max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der Bismarck\u2019schen Sozialpolitik, die durchaus als eine Strategie gem\u00e4\u00df dem Motto \u201eTeile und Herrsche\u201c gesehen werden kann, entwickelte sich mit der Reichsgr\u00fcndung ab 1871 eine Vielzahl staatlicher sozialpolitischer Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Arbeiter und Kranken. 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