{"id":1782,"date":"2022-01-17T10:11:22","date_gmt":"2022-01-17T08:11:22","guid":{"rendered":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1782"},"modified":"2022-01-17T10:18:31","modified_gmt":"2022-01-17T08:18:31","slug":"aus-der-heimatgeschichte-vom-erinnern-und-der-geschichtswissenschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1782","title":{"rendered":"Aus der Heimatgeschichte \u2013 Vom Erinnern und der Geschichtswissenschaft"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Geschichtswissenschaft ist eine Wissenschaft, mit klaren wissenschaftlichen Grundregeln. Und doch wird sie immer wieder von der Politik benutzt und auch missbraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Beispiel unseres Ortes Nowawes wird das sehr deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>1962 \u2013 also vor genau 60 Jahren \u2013 war in der Zeitung \u201ePotsdamer Blick\u201c ein Artikel von Joachim Schobe\u00df zu lesen, den wir hiermit wieder der \u00d6ffentlichkeit zukommen lassen m\u00f6chten. Der Artikel belegt, wie staatlich gelenkte Erinnerung zu DDR-Zeiten aussah und welche Rolle damals die \u201eHeimatgeschichte\u201c politisch spielte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend in der Zeit des Nationalsozialismus die Geschichte der Arbeiter:innenbewegung und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus keine Rolle spielte, ja gar getilgt und die \u201eroten\u201c Arbeiter:innen und Widerstandsk\u00e4mpfer:innen gegen das NS-System verfolgt und ermordet wurden, kam mit der DDR und ihrem politischen System eine Zeit, in der die Erinnerung des NS-Widerstands und der Arbeiter:innenbewegung staatlich gef\u00f6rdert und gew\u00fcnscht war. Schlie\u00dflich wollte die DDR auf diesen Traditionen aufbauen. Antifaschismus war ein wichtiger politischer Teil des sozialistischen Staatssystems.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unser Nowawes bezogen wurde in der lokalen Geschichtsforschung und Erinnerungspolitik \u2013 wie in der DDR-Geschichtswissenschaft \u00fcberhaupt \u2013 eine traditionelle Linie vom Beginn der organisierten Arbeiter:innenbewegung bis hinein in die DDR-Zeit gezogen. Das spiegelte sich in vielen Artikeln der lokalen Tageszeitungen wider, wurde in betrieblichen Arbeitskreisen und anderen Geschichtszirkeln forciert. Sp\u00e4ter entstanden daraus unter anderem die Traditionskabinette in den Gro\u00dfbetrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute nunmehr spielt die Nowaweser Geschichte in der aktuellen Erinnerungs- und Gedenkpolitik keine Rolle. Im Mittelpunkt der st\u00e4dtischen Geschichte stehen vor allem das preu\u00dfische Erbe und die Auseinandersetzung um und das Gedenken an die beiden Diktaturen. Vergessen scheinen die Arbeiter:innenbewegung und das Rote Nowawes.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb ist heute Geschichtsaufarbeitung \u201evon unten\u201c, unter anderem in Geschichtswerkst\u00e4tten wie die unsere, so wichtig. Wir versuchen, der Geschichte unseres Kiezes so nahe zu kommen wie m\u00f6glich. Nicht staatlich gelenkt, sondern von unten aus der Basis heraus, partei\u00fcbergreifend und ehrenamtlich, nat\u00fcrlich auf Basis der Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft. Damit wollen wir das Andenken an das Rote Nowawes wachhalten. Wir wollen Geschichte hautnah zeigen, sie nicht gebrauchen. Dazu brauchen wir aber die Hilfe der \u00d6ffentlichkeit. Jedwedes pers\u00f6nliche Erinnerungsst\u00fcck, das Nowaweser Geschichte zeigt, Fotos, Tageb\u00fccher usw. k\u00f6nnen uns dabei helfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"988\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte2-1024x988.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1783\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte2-1024x988.jpg 1024w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte2-300x290.jpg 300w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte2-768x741.jpg 768w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte2-1536x1483.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Anbei der Artikel:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus der Heimatgeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Rote Nowawes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Plan des Neuaufbaues unserer Stadt ist bewusst die enge Verbindung Potsdams mit Babelsberg vorgesehen. Bekanntlich bestand in der Vergangenheit zwischen der Milit\u00e4r- und Beamtenstadt Potsdam und der Proletariersiedlung Nowawes, bedingt durch die fr\u00fchere Klassenteilung der Gesellschaft, eine eindeutige Trennung, die durch die Wasserscheide der Havel noch besonders unterstrichen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das heutige Babelsberg ist aus dem armen Weberdorf \u201eB\u00f6hmisch-Neudorf\u201c oder tschechisch \u201eNowa-Wes\u201c hervorgegangen. Die evangelischen Weber mussten aus Gr\u00fcnden religi\u00f6ser Verfolgung die alte Heimat verlassen. Als sie 1751 bei Friedrich II. um Obdach und Asyl baten, suchte er nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus rein wirtschaftlichen Zweckgr\u00fcnden \u201edazu selbst eine sandige und unfruchtbare Stelle aus, um so die w\u00fcsteste und \u00f6deste der Gegenden, welche die K\u00f6nigsresidenz umgaben, bebauen zu lassen\u201c. Am 16. September 1751 gab es in der Kolonie 60 \u201eb\u00f6hmische\u201c Familien, die eine sandige Feldmark von etwa 170 Morgen bebauten. Sie erhielten gewisse Privilegien, z.B. Steuerfreiheit, freies Brennholz und als unentbehrliche Fachleute Befreiung vom Soldatendienst. Die Einwanderung erfolgte dennoch sehr sp\u00e4rlich. 1759 z\u00e4hlte der Ort nur 861 Seelen. Die Einwohner beklagten sich \u00fcber den d\u00fcrren Flugsandboden, der keine Gartenfr\u00fcchte hervorbrachte. An Viehhaltung war nicht zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der sp\u00e4teren Industrialisierung wurden die Weber moderne Lohnsklaven. Nowawes z\u00e4hlte 1861 etwa viertausend Einwohner. Immer wieder herrschte infolge der Krisen und Fabrikstilllegungen langanhaltende Arbeitslosigkeit, so dass die Nowaweser Weber und Arbeiter ihr Leben als Bettler auf dem flachen Lande fristen mussten. Die soziale Not und das Hungerdasein der um die nackte Existenz ringenden Nowaweser stand in einem traurigen Gegensatz zu dem Prunk der Hofgesellschaft in Potsdam und Sanssouci. W\u00e4hrend vor den Toren der \u201eResidenzstadt\u201c ausgemergelte Proletarier ihren Kindern kaum ein St\u00fcckchen Brot reichen konnten, prasste die Oberschicht in \u201eSaus und Braus\u201c. Das Potsdamer B\u00fcrgertum hatte seine historische Aufgabe verraten und sich mit dem K\u00f6nigtum und seiner von Junkern gef\u00fchrten Armee verb\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nowaweser Weber und Arbeiter geh\u00f6rten zu den zuverl\u00e4ssigsten K\u00e4mpfern des revolution\u00e4ren Demokraten Max Dortu 1848\/49. Die \u201ePotsdamer B\u00fcrgerwehr\u201c griff gegen die demonstrierenden Arbeiter und Weber ein. So trifft auch f\u00fcr Potsdam die Feststellung von Friedrich Engels zu: Die Bourgeoisie erkaufte ihre allm\u00e4hliche gesellschaftliche Emanzipation mit dem sofortigen Verzicht auf eigene politische Macht. Nat\u00fcrlich ist der Hauptbeweggrund, der f\u00fcr die Bourgeoisie einen solchen Vertrag annehmbar macht, nicht die Furcht vor der Regierung, sondern die Furcht vor dem Proletariat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Siebzig Jahre sp\u00e4ter konnte die Bourgeoisie mit dem inzwischen organisierten Nowaweser Industrieproletariat nicht mehr so umspringen. Unter dem Eindruck der furchtbaren Blutopfer an den Fronten des Krieges und dem Fanal der Gro\u00dfen Sozialistischen Oktoberrevolution wurden im Dezember 1917 in dem Werk Orenstein &amp; Koppel Flugbl\u00e4tter revolution\u00e4ren Inhalts verteilt. Im Januar 1918 traten 1400 Arbeiter dieses Werkes in den Streik gegen den imperialistischen Krieg. Aus dem kapitalistischen Betrieb Orenstein &amp; Koppel ist heute das volkseigene Karl-Marx-Werk geworden, das industrielle Herz unserer sozialistischen Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Joachim Schobe\u00df<\/p>\n\n\n\n<p>(Zeitung: Potsdamer Blick, 3. Jahrgang, Nr. 4, 26. Januar 1962)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"915\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte1-915x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1784\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte1-915x1024.jpg 915w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte1-268x300.jpg 268w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte1-768x859.jpg 768w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte1-1373x1536.jpg 1373w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Aus-der-Heimatgeschichte1-1831x2048.jpg 1831w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichtswissenschaft ist eine Wissenschaft, mit klaren wissenschaftlichen Grundregeln. 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