{"id":234,"date":"2019-10-21T12:11:18","date_gmt":"2019-10-21T10:11:18","guid":{"rendered":"http:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=234"},"modified":"2019-12-06T21:36:58","modified_gmt":"2019-12-06T19:36:58","slug":"das-arbeiter-sport-und-kultur-kartell-nowawes","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=234","title":{"rendered":"Das Arbeiter-Sport- und Kultur-Kartell Nowawes"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Arbeiter-Sport- und Kultur-Kartell Nowawes Die Bildung von Sport- und Kulturvereinen in Nowawes und Neuendorf blieb in der Kaiserzeit weitestgehend in den H\u00e4nden \u201eb\u00fcrgerlicher\u201c oder konfessioneller Tr\u00e4ger, so z. B. der \u201eM\u00e4hliss`sche M\u00e4nnergesangsverein Nowawes\u201c von 1861, der \u201eM\u00e4nnergesangsverein Liederkranz Nowawes\u201c von 1873 oder der \u201eM\u00e4nnergesangsverein Deutsches Lied\u201c von 1879. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst mit dem Erstarken der Sozialdemokratie und dem damit einhergehenden selbstbewussten Arbeitermilieu erblickten im ausdr\u00fccklichen Kontrast zum vorhandenen Vereinswesen auch eine Vielzahl von Arbeiterkultur- und Sportvereinen das Licht der Welt. Wegen ihres Beitritts zu Dachorganisationen der Arbeiterbewegung im Berliner Gro\u00dfraum, in Preu\u00dfen oder gar in ganz Deutschland hatte sie vor dem Ende des Kaiserreiches keinerlei Unterst\u00fctzung durch kommunale Beh\u00f6rden. Nach der Ausrufung der Republik und deren Konsolidierung gab es auch in Nowawes eine neue Entwicklungsdynamik in der Arbeiterkultur- und sportlandschaft, die sich weiterhin als grunds\u00e4tzliches Gegensystems zu den etablierten \u201eb\u00fcrgerlichen\u201c Vereinen verstand. Um das Gewicht der Vielzahl der Vereine der Arbeiterbewegung gegen\u00fcber der Stadtverwaltung zu erh\u00f6hen und gleichzeitig den Versuch zu unternehmen, gemeinsame kulturelle und sportliche Veranstaltungen f\u00fcr die Nowaweser \u00d6ffentlichkeit durchzuf\u00fchren, gr\u00fcndeten am 08.06.1925 im Volkshaus von Singer in der Priesterstra\u00dfe Vertreter der Arbeiterkultur und des Arbeitersports das Arbeiter-Sport- und Kultur-Kartell (ASKK) Nowawes als eine Art Dachorganisation. Zum ersten Vorsitzenden wurde der Sozialdemokrat Karl Kunstmann gew\u00e4hlt, wobei anzumerken ist, dass laut \u00fcberlieferten Protokoll im Kartell jeder mit \u201eGenosse\u201c angesprochen wurde. Vielleicht fiel die Wahl auf Kunstmann auch deshalb, weil gerade zur Gr\u00fcndung des Kartells der neue von Arbeitersportlern der FTSV 1894 geschaffene Sportplatz an der Priesterstra\u00dfe (heute Karli) unter seiner Regie geschaffen wurde, da er wenig sp\u00e4ter dort auch fest angestellter Platzwart wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachweislich waren folgende Vereine bis 1933 st\u00e4ndig oder zeitweise Mitglied im Kartell: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Freier M\u00e4nnerchor \u2013 Freier Frauenchor \u2013 sozialdemokratische Kinderfreunde \u2013 sozialdemokratische Sozialistische Arbeiterjugend \u2013 sozialdemokratische Jung-Sozialisten \u2013 Arbeiterabstinenten \u2013 Freie Turn- und Sportvereinigung \u201eFrisch Auf\u201c 1894 \u2013 Radfahrerverein \u201eSolidarit\u00e4t\u201c \u2013 Kommunistische Jugend \u2013 Tourismusverein \u201eNaturfreunde\u201c \u2013 Arbeiter-Samariter \u2013 sozialdemokratische Arbeiter-Wohlfahrt \u2013 Arbeiter-Schach \u2013 Mandolinenvereinigung \u2013 Arbeiter-Radio-Klub \u2013 Arbeiter-Esperanto-Klub \u2013 Verein der Freidenker \u2013 kommunistische Rote Hilfe \u2013 Chor \u201eEinigkeit\u201c <\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Auf der konstituierenden Sitzung wurde neben Kunstmann die Sozialdemokraten Wilhelm Schulz aus der Marienstr. zum 2. Vorsitzenden, Walter Vanicek aus der Priesterstr. zum Schriftf\u00fchrer und Fritz Ebel als Kassierer gew\u00e4hlt. Hinzu traten Erich Henning f\u00fcr die Kinderfreunde. Im Kartell wirkten weiterhin mit: Dr. Otto Runge, Oberschulrat an der Althoffschule, K. Zilias von der FT 1894, der sp\u00e4ter zum kommunistisch orientierten Arbeitersportverein Concordia 06 wechselte und somit aus dem ASKK ausschied. Im ASKK wirkten weiterhin Paul Rottstock, Fritz Walter, der Kommunist und Stadtverordnete Ewald Messerschmidt, Max Kulbe f\u00fcr die Freidenker, der Schlosser Ernst Vespermann von den Arbeitersamaritern und Frau Bathe von der Arbeiterwohlfahrt mit. Nach dem Tod von Vanicek \u00fcbernimmt Erich L\u00fcscher von der SAJ kurzzeitig dessen Funktion, verl\u00e4sst nach seinem \u00dcbertritt zum KJVD 1928 aber das Kartell. Reinhold Simon \u00fcbernimmt dann die Funktion des Schriftf\u00fchrers. <\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eBruderkampf\u201c \u2013 wie er selbst in den \u00fcberlieferten Protokollb\u00fcchern des ASKK genannt wird \u2013 zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten f\u00fchrte immer wieder zu Auseinandersetzungen \u00fcber die Ausrichtung und das \u00f6ffentliche Auftreten des Kartells, was ja mehrheitlich auch darauf ausgerichtet war, bei der Stadtverwaltung Akzeptanz zu gewinnen. So beschloss man z.B. mehrheitlich bei Aufz\u00fcgen und Festen des Kartells keine Parteifahnen mitzuf\u00fchren. Auch war das kostenlose Verteilen des sozialdemokratischen Potsdamer Volksblattes umstritten. Letztendlich einigte man sich darauf, sowohl im PVB als auch in der kommunistischen Roten Fahne zu inserieren. Der Arbeitersamariterbund verpflichtete sich alle Veranstaltungen des ASKK kostenfrei zu begleiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine der ersten Initiativen des AKKK war 1925 eine Kultur- und Sportwoche in Nowawes, an der sich alle Mitgliedsorganisationen beteiligten. Zum Abschluss der Woche kam es zu einem Festumzug. Man traf sich auf dem Friedrichkirchplatz, zog dann weiter \u00fcber die Mittel-, Plantagen-, Linden-, York-, Kleist-, Gro\u00dfbeeren-, Eisenbahner-, Priester-, Friedrich- und Wilhelmstra\u00dfe zum Park Babelsberg. Um 15.00 Uhr fand dort ein gro\u00dfes Fest statt. Der Tag endete in den Klemmschen Fests\u00e4len, wo der Gesangsverein und der Mandolinenverein ein Konzert gaben. Im Nowaweser Ortsausschuss f\u00fcr Jugendpflege, der \u201eb\u00fcrgerlich\u201c dominiert war und vom Fabrikdirektor von Orenstein &amp; Koppel, Fanselau, geleitet wurde, waren neben dem Gewerkschaftskartell aus dem ASKK nur die Arbeiterwohlfahrt und die Kinderfreunde mit Sitz und Stimme vertreten. In den Kommissionen f\u00fcr die Badeanstalt und f\u00fcr Leibes\u00fcbungen wurde das Kartell durch den FTSG 1894 und in der Kommission f\u00fcr Jugendbildung durch den kommunistischen Stadtverordneten und Leiter des Arbeiter-Esperanto-Klubs, Richard Schulz vertreten. Der ein Schwerpunkt des ASKK die Entwicklung des neuen Sportgel\u00e4ndes an der Priesterstr. war, zu dem dann auch eine Sportbaracke und eine Jugendherberge geh\u00f6rten, bef\u00fcrwortete er auch den Antrag der Arbeitersamariter, um dort einen Raum zu erhalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 1926 l\u00e4uft im ganzen Reich das Volksbegehren \u201eEnteignung der F\u00fcrstenverm\u00f6gen\u201c, urspr\u00fcnglich von der KPD initiiert, dann, wenn auch z\u00f6gerlich vom ADGB und der SPD unterst\u00fctzt. Am 1. M\u00e4rz wendet sich das sozialdemokratische Reichsbanner \u201eSchwarz-Rot-Gold\u201c und das Einheitskommitee an das ASKK mit der Bitte, sich an einer Veranstaltung gegen die F\u00fcrstenabfindung zu beteiligen. Unter der Bedingung, dass sich die beiden Arbeiterparteien ebenfalls gemeinsam zu Unterst\u00fctzern erkl\u00e4ren, ist das ASKK bereit, an der Veranstaltung mitzuwirken. Ein v\u00f6llig neues Bet\u00e4tigungsfeld erh\u00e4lt das Kartell durch den Lehrer und sozialdemokratischen Stadtverordneten Bruno La Grange: das Kartell m\u00f6ge doch f\u00fcr Nowaweser Kinder die atheistische Jugendweihe ausrichten. Mit gro\u00dfem Engagement kommen die Mitglieder des ASKK dieser Bitte nach und schon am 27.03.1927 konnte die erste Jugendweihe-Feier mit 60 Kindern im Thalia-Kino stattfinden. In der Jugendweihekommission wirken insbesondere die FTSV 1894, die SAJ, der Mandolinenverein, die Naturfreunde und der M\u00e4nnergesangsverein mit. Neben der Organisation von Jugendweihe-Feiern veranstaltet des ASKK auch Schulentlassungsfeiern und proletarische Feierstunden am 2. Weihnachtsfeiertag. Veranstaltungsorte sind neben dem Thalia auch die Aula des Realgymnasiums. Eine Ferienfahrt nach Stettin mit dem Dampfer \u201eBaldur\u201c wird ebenfalls vom ASKK durchgef\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p>1926 entspann sich eine Kontroverse wegen des Aufnahmeantrags der kommunistischen Roten Hilfe. Erst nach Vorlage des Statutes konnte die Mitgliedschaft mit 5 Ja-Stimmen bei 3 Enthaltungen best\u00e4tigt werden. Einzelne ASKK-Mitglieder spendeten Einnahmen aus ihren Veranstaltungen und Aktionen sozialen Projekten. So spendete der M\u00e4dchen- und Frauenchor die Erl\u00f6se aus einem Konzert der weltlichen Sammelschule in Nowawes und die Rote Hilfe die Gelder ihrer Winterhilfe-Sammlung den Kinderheimen in Elgersburg und Worpswede. Die neue Jugendherberge am Sportplatz war Treffpunkt des ASKK und f\u00fcr viele seiner Mitglieder. Die Rote Hilfe traf sich im Saal des Feuerwehrdepots und veranstaltet am 23.04.1927 in den Klemmschen Fests\u00e4len ein Deutsch-Russisches Konzert. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Ende der 20er Jahre hin kam es zur Spaltung der Arbeitersportbewegung, die auch vor dem Nowaweser ASKK nicht Halt machte. Erfolgte in den Jahren 1925\u20131927 noch eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den beiden ideologischen Str\u00f6mungen in der Arbeitersportbewegung in dem z.B. auf dem Bundestag des ATSB 1926 der Beschluss gefasst wurde, dass jeder Arbeitersportler ein Mitglied der KPD oder SPD sein sollte, lie\u00dfen die Entwicklungen im internationalen Verkehr der Arbeitersportbewegungen alte Konflikte jedoch schnell wieder aufflammen. Mit dem Abbruch der Sportbeziehungen des ATSB zur Sowjetunion im Sommer 1927 und dem Bekenntnis der Luzerner Sportinternationale (LSI) zur Sozialdemokratie wurden die Auseinandersetzungen wieder fortgef\u00fchrt und man warf sich gegenseitig vor, die Spaltung der Arbeitersportbewegung im Sinne zu haben. Der 16. Bundestag des ATSB 1928 stand ganz im Zeichen der bevorstehenden Spaltung. Letztendlich wurden folgende Beschl\u00fcsse gefasst, die diese besiegelten: Verbot der Teilnahme an Sportveranstaltungen der Sowjetunion, Abbruch der Beziehungen zur KPD und deren Institutionen, Berechtigung des Bundesvorstands des ATSB, in eigener Verantwortung Ausschl\u00fcsse vorzunehmen. Nach der Spaltung in der deutschen Arbeitersportbewegung gr\u00fcndeten die ausgeschlossenen Mitglieder und Vereine am 26. Mai 1929 die &#8222;Interessengemeinschaft zur Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport&#8220; (IG), die den Sportbetrieb der kommunistischen Mitglieder aufrechterhalten sollte. Im Dezember 1930 wurde diese in \u201eKampfgemeinschaft f\u00fcr rote Sporteinheit\u201c (KG) umbenannt. Diese stark an die KPD gebundene Organisation schloss sich der Roten Sportinternationale (RSI) an. (Q: Wikipedia). Den \u00fcberlieferten Protokollheften des ASKK sind seit 1928 nur noch wenige Informationen \u00fcber Vereinsaktivit\u00e4ten zu entnehmen. Die Kommunistische Jugend und andere Mitgliedervereine aus dem Umfeld der KPD finden keine Erw\u00e4hnung mehr. Beispielhaft ist die Entwicklung im Arbeiterfu\u00dfballsport. Die im Mai 1919 fusionierten Arbeitersportvereine Freier Turner Nowawes und Concordia 06 Nowawes zur Freien Turn- und Sport-Vereinigung Nowawes 1894 wurde im Zuge der Spaltung der Arbeitersportbewegung seit 1928 wieder in Frage gestellt. Die FTSVgg Nowawes 94 blieb bundestreu, d.h. im sozialdemokratisch gef\u00fchrten ATSB, aber ein erheblicher Teil der Mitglieder und der gr\u00f6\u00dfere Teil der Fu\u00dfballsparte f\u00fchlten sich zur kommunistischen Opposition hingezogen und gr\u00fcndeten 1928 den ASV Concordia 06. Die 94er spielten in der neuen Spielvereinigung des 1. ATSB-Kreises, Concordia blieb der M\u00e4rkischen Spiel Vereinigung, die ebenfalls aus dem ATSB ausgeschlossen wurde, treu. Die aus dem ATSB ausgeschlossenen Vereine organisierten sich nun unter dem Dachverband der Kampfgemeinschaft f\u00fcr rote Sporteinheit, dem sogenannten Rotsport. Die Gastst\u00e4tten beider Nowaweser Arbeitervereine lagen in der Karl-Gruhl-Stra\u00dfe nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Concordia traf sich bei Rob\u00e9 und Nowawes 94 bei Hiemke. Beide Vereine teilten sich die Pl\u00e4tze an der Priesterstra\u00dfe und blieben den Farben Rot und Wei\u00df treu. <\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund ihrer N\u00e4he zur KPD schieden auch der Nowaweser Arbeiter-Esperanto-Klub, die Naturfreunde und die Arbeitersamariter aus dem ASKK aus. 1930 waren im ASKK f\u00fcr den Sportbereich Fritz Ebel und Albert Richter und f\u00fcr den Kulturbereich Ewald Henkel von den Kinderfreunden und Karl Kunstmann verantwortlich. Nunmehr war das Kartell nur noch im sozialdemokratischen Milieu aktiv und gestaltete am 15.03.1930 zusammen mit der Nowaweser SPD einen Arbeiter Sport- und Kulturtag. Am 08.11.1931 veranstaltetet es mit der SPD und dem ADGB in dem Kino Scala in der Priesterstra\u00dfe die Revolutionsfeier. Die Festrede hielt der SPD-Reichstagsabgeordnete Kurt Heinig. Noch am 06.02.1933 traf sich der Vorstand des ASKK in der Jugendherberge unter Vorsitz von Fritz Springer, dem Schriftf\u00fchrer Otto Schumann \u2013 der die Protokollb\u00fccher nach 1945 dem Heimatmuseum Potsdam \u00fcbergab, dem Kassierer Max Kuntze, dem Beisitzer Richard Ertel und den Revisoren Grabow und Schulz. Beendet wurde die letzte Sitzung vor dem Verbot der SPD am 22.06.1933 mit dem Kampfruf \u201eFreiheit!\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Arbeiter-Sport- und Kultur-Kartell Nowawes Die Bildung von Sport- und Kulturvereinen in Nowawes und Neuendorf blieb in der Kaiserzeit weitestgehend in den H\u00e4nden \u201eb\u00fcrgerlicher\u201c oder konfessioneller Tr\u00e4ger, so z. B. der \u201eM\u00e4hliss`sche M\u00e4nnergesangsverein Nowawes\u201c von 1861, der \u201eM\u00e4nnergesangsverein Liederkranz Nowawes\u201c von 1873 oder der \u201eM\u00e4nnergesangsverein Deutsches Lied\u201c von 1879. 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