{"id":2878,"date":"2023-02-26T09:57:49","date_gmt":"2023-02-26T07:57:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=2878"},"modified":"2023-02-26T10:06:54","modified_gmt":"2023-02-26T08:06:54","slug":"am-webstuhl-der-zeit-historischer-artikel-aus-dem-vorwaerts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=2878","title":{"rendered":"Am Webstuhl der Zeit \u2013 ein historischer Artikel aus dem Vorw\u00e4rts"},"content":{"rendered":"\n<p>Als Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes wollen wir hin und wieder historische Artikel und Berichte ver\u00f6ffentlichen, die sich mit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation in Nowawes oder auch mit der Erinnerungsarbeit auseinandersetzen. So ver\u00f6ffentlichten wir im letzten Jahr den Artikel \u201e<a href=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=1782\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Aus der Heimatgeschichte \u2013 Vom Erinnern und der Geschichtswissenschaft<\/a>\u201c, der sich mit dem Mythos des Roten Nowawes im Kontext der DDR-Geschichte besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ver\u00f6ffentlichen wir einen Artikel aus der Beilage der sozialdemokratischen Zeitung Vorw\u00e4rts vom 26.02.1933, also heute vor genau 90 Jahren, in welchem die sozio\u00f6konomische Lage der Weber:innen und der Textilindustrie in Nowawes betrachtet wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"726\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/vorwaerts-26.02.1933-1024x726.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2879\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/vorwaerts-26.02.1933-1024x726.jpg 1024w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/vorwaerts-26.02.1933-300x213.jpg 300w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/vorwaerts-26.02.1933-768x544.jpg 768w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/vorwaerts-26.02.1933.jpg 1305w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ausschnitt vom Artikel aus dem Vow\u00e4rts<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Anbei der Artikel:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AM WEBSTUHL DER ZEIT<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re ihnen immer so leidlich gegangen, meinten die Weber von Nowawes, allzuviel h\u00e4tten sie allerdings nie in die Milch zu brocken gehabt, aber jetzt sei es doch wie abgeschnitten. Nicht die \u00e4ltesten Leute k\u00f6nnen sich erinnern, jemals solche Jammerzeit durchgemacht zu haben wie heute. \u201eGut. Aber jeder St\u00e4dter stellt sich doch unter einem Weber erstmal einen bitterarmen Mann vor, man denke nur an Gerhart Hauptmanns \u201eWeber\u201c?\u201c \u201eDiese Meinung \u00fcber uns Weber kennen wir\u201c antwortete der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Filiale Nowawes des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes. Ein Zufall hat es gef\u00fcgt, dass sich das schlichte B\u00fcro in dem gleichen alten Weberhause befindet, in dem er als junger Mann noch am Webstuhl gesessen hat.\u201e Aber \u2013 f\u00e4hrt er fort \u2013 unsere Kollegen von Langenbielau und Petersmaldau hatten es wohl auch besonders schlecht, bei uns war es so: man konnte auf Jacquard-Muster mitunter 50 Mk. in der Woche verdienen und dann sa\u00df man auch wieder mit 12 Mk. in der Woche da. Manchmal rissen sich die Fabrikanten um uns und einer bot immer 10 Pf. mehr an Lohn f\u00fcr den Meter Stoff, ein andermal konnten wir uns die Hacken ablaufen und bekamen nicht einen Meter Arbeit. Es war ein st\u00e4ndiges Auf und Ab, aber heute geht es ja nur bergab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es war einmal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da wir gerade bei den alten Zeiten sind: Nowawes ist noch sehr jung, eine seit 1752 bestehende Siedlung wegen ihres Glaubens vertriebener Weber aus B\u00f6hmen. In der Tschechoslowakei gibt es noch ein Nowawes: manchmal verlaufen sich deshalb die Briefe, sie fahren dann erst im B\u00f6hmerwald spazieren, ehe sie nach Nowawes bei Berlin zur\u00fcckfinden. Von diesen alten Weberh\u00e4usern stehen noch genug. In der Mitte war die Haust\u00fcr und rechts wohnte eine Weberfamilie und links eine. Jede hatte zwei Stuben, eine gro\u00dfe nach der Stra\u00dfe, da stand der Webstuhl und eine kleine nach dem Hof, da schlief der Weber und die Weberin. Die Kinder schliefen neben dem Webstuhl auf der Erde \u2013 das war so Mode, sagten dieser Tage die alten Weber \u2013 und in der Dachkammer schliefen die Gesellen. Durch die D\u00e4cher schienen Sonne, Mond und Sterne. \u201eAls ich noch Geselle war, damals in den neunziger Jahren \u2013 erz\u00e4hlt unser Gew\u00e4hrsmann \u2013 da war ich eines Morgens vollkommen eingeschneit. Ich musste erst den Schnee vom Bett fegen, so hatte es in meine Kammer geschneit. Manchmal waren bei uns in Nowawes bis zu 800 fremde Gesellen, meist aus Schlesien. Die Leute waren dann f\u00fcr 2,50 Mark in der Woche bei unseren Meistern in halber Kost und Logis. Also schlafen auf dem Dach oder besser gesagt unter dem Dach, morgens Kaffee und Schrippen und Mittagbrot. An Lohn gab es zwei Drittel vom Gesamtlohn, den der Meister erzielte. Ein Drittel bekam der Meister f\u00fcr Stuhl und Haus. Das Fertigprodukt ging nach Berlin an die Fabrikanten. Wieviel Tuch wir damals geschafft haben? Nun, ein Hausweber macht etwa 6 Meter Tuch pro Tag: ein ganzes St\u00fcck ist immer 36 Meter lang, so dass man an einem St\u00fcck immer eine Woche zu tun hatte. Dazu kommen allerdings noch umfangreiche Vorrichtungsarbeiten. Der alte Kollege Schr\u00f6der sitzt heute noch an seinem Webstuhl, er schafft mit seinen 71 Jahren noch vier Meter Krimmer je Tag. (Krimmer ist eigentlich das Fell neugeborener L\u00e4mmer aus der Krim, heute eine Pl\u00fcschart mit Locken und Kr\u00e4useln als Pelzersatz.) Je Meter erh\u00e4lt der alte Herr von seinem Fabrikanten aus Berlin 72 Pf.\u201c 4 mal 72 sind 288 Kupferpfennige und das scheint selbst f\u00fcr einen 71 j\u00e4hrigen alten Herrn ein magerer Tagelohn zu sein, aber, sagt man, so h\u00e4tte die Partie bis in die neunziger Jahre nicht gestanden. Sondern die Frage lautete so: wer hatte 50 Taler zur Hand, wer konnte mit zwei Mann die 14 Tage Vorbereitungsarbeit f\u00fcr neue Muster durchhalten, wer hatte 75 Mark f\u00fcr einen Jacquardstuhl und f\u00fcr Geschirr, Harnisch, Litzen und Blatt und allem anderen wom\u00f6glich noch einmal 75 Mark dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer das hatte, der konnte den Spitzenpreis der Mode abfangen und 50 Mark in der Woche einstreichen. Wer zu sp\u00e4t kam, erzielte dann nur noch 36 Mark und wer zuletzt aufstand gar nur 25 Mark in der Woche. Es muss damals \u00e4hnlich zugegangen sein wie heute bei der Jagd nach dem Spitzenpreis f\u00fcr Fr\u00fchgem\u00fcse. Wer damals gar kein Geld hatte, der ging zum Pfarrer Koller, der pumpte dann 10 Taler als Einrichtungskredit. In den Wintermonaten war es dann mitunter sehr schmal; es musste mit 6 bis 9 Mark die ganze Familie durchgebracht werden. Und diese alten Hausweber bildeten den Gr\u00fcnderstamm des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Tr\u00fcmmerfeld<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So wie alle hatte auch der alte Michaelis in der Priesterstra\u00dfe angefangen. Gleich das Nachbarhaus neben dem Verband. Heute existiert noch die Teppichweberei Michaelis u. Behrendt mit 200 Arbeitern. Dazu noch eine Garngesellschaft mit 150 Besch\u00e4ftigten, die Netzfabrik von Franz Klinder mit ebenfalls rund 150 Besch\u00e4ftigten und dazu ein paar Kleinbetriebe. Das ist die ganze Textilherrlichkeit, die in Nowawes noch \u00fcbriggeblieben ist. Und Nowawes hat es in 180 Jahren immerhin auf 29000 Einwohner gebracht. Die nur noch mit ostdeutschen Grenzst\u00e4dten vergleichbare, aber doch wohl beispiellose Verlustliste der Textilindustrie von Nowawes sieht so aus:<\/p>\n\n\n\n<p>                                                                        einst Besch\u00e4ftigte rund<\/p>\n\n\n\n<p>Ad. Pitsch, Wollwarenfabrik \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0800                 stillgelegt<\/p>\n\n\n\n<p>Norddeutsche Kammgarnspinnerei (Lahusen)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 700                 \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Jute-Spinnerei u. Weberei \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0500                 \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Seidenweberei Michels \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0200                 \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>K. Hozak, Teppichweberei \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 100                 \u201e<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu noch eine Reihe kleinerer Betriebe. Nirgends r\u00fchrt sich mehr eine Hand, verlassen und ver\u00f6det liegt das Fabrikenviertel von Nowawes da. Als erster machte Michels zu, das war noch w\u00e4hrend der Rheinland-Besatzung und hing damit zusammen. Da Michels Hoflieferant war, hatte er in Nowawes einen Musterbetrieb errichtet mit Speise- und Bader\u00e4umen. Heute werden dort Schallplatten fabriziert. Anfang 1926 machte die Jutespinnerei ihren Betrieb zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Stilllegung, die mit Absatzschwierigkeiten gar nichts zu tun hatte, ist eines der tr\u00fcbsten Kapitel aus der Geschichte des Jutekapitals. Da sitzen im Jute-Kartell ein paar Magnaten und je nachdem es ihre Quotenk\u00e4mpfe erfordern, beschlie\u00dfen sie eines Tages: das Werk Nowawes wird stillgelegt und 500 flei\u00dfige M\u00e4nner und Frauen sitzen hungernd auf der Stra\u00dfe. Die Produktion wurde nach Mei\u00dfen verlegt und jetzt ist das Mei\u00dfner Jutewerk mit seinen 600 Arbeitern an der Reihe, von den Jutemagnaten abgew\u00fcrgt zu werden. Wie damals Nowawes w\u00fcrde nun mehr Mei\u00dfen durch die Stilllegung wie von einer Katastrophe getroffen werden, ein ganzer Stadtteil w\u00e4re dem Ruin verfallen, aber der Profit und die Quote stehen den Konzerngewaltigen h\u00f6her als jene 600 Familienv\u00e4ter. 1928 schloss der Lahusen-Betrieb seine Tore. Ein anderer Konzern wollte dann in den R\u00e4umen eine Weberei einrichten, aber das waren nun erst Athleten: als sie die Webst\u00fchle in die Arbeitss\u00e4le trugen, bog sich die Decke. Denn Webst\u00fchle sind schwerer als Spinnmaschinen, genauer gesagt, auf den Raum, der einer Spinnmaschine Platz gibt, kommen vier Webst\u00fchle, die Spinnmaschine verteilt mehr die Last. Ehe jedoch die Decken gerade gebogen waren, hatte der andere Konzern bereits das Zeitliche gesegnet: es war die \u201eToga\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Tuchfabrik von Adolf Pitsch ging 1928 mit 800 flei\u00dfigen M\u00e4nnern und Frauen zu Ende. Man wandelte noch den Betrieb in eine Aktiengesellschaft um und versuchte mit 200 Mann weiterzuarbeiten, aber das war Ende 1930 dann auch aus. Als sich schlie\u00dflich der Nachfolger des alten Pitsch, der selber schon alte Levi einer Schuldenlast von 7 Millionen Mark gegen\u00fcbersah, nahm er einen Revolver und schoss sich tot. Und der alte Hozak, der mal mit 100 Arbeitern die feinsten Teppiche kn\u00fcpfte \u2013 z.B. f\u00fcr die Riesens\u00e4le von Potentaten oder die Luxusdampfer des Lloyd und der Hapag \u2013, dieser Mann l\u00e4uft auf seine alten Tage herum und sucht Auftr\u00e4ge f\u00fcr Flickarbeit heranzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den 29000 Einwohnern der Stadt samt S\u00e4uglingen und Greisen sitzen heute rund 6000 auf dem Arbeitsnachweis. Dennoch bekennen sich von den bisherigen 32 Stadtverordneten 16 zur Sozialdemokratie. Die armen Nowaweser werden sich auch am 5. und 12. M\u00e4rz tapfer f\u00fcr die Freiheit schlagen. Das ist gewiss.<\/p>\n\n\n\n<p>(Ein Artikel aus der Beilage der Zeitung Vorw\u00e4rts vom 26.02.1933.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes wollen wir hin und wieder historische Artikel und Berichte ver\u00f6ffentlichen, die sich mit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation in Nowawes oder auch mit der Erinnerungsarbeit auseinandersetzen. 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