{"id":3251,"date":"2023-09-05T13:09:24","date_gmt":"2023-09-05T11:09:24","guid":{"rendered":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3251"},"modified":"2023-09-05T13:09:58","modified_gmt":"2023-09-05T11:09:58","slug":"paul-neumann-ein-kampf-fuer-gleichheit-freiheit-und-sozialismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3251","title":{"rendered":"Paul Neumann &#8211; Ein Kampf f\u00fcr Gleichheit, Freiheit und Sozialismus."},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Paul Neumann &#8211; Ein Kampf f\u00fcr Gleichheit, Freiheit und Sozialismus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von:<strong> <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Uwe Klett und Frank Reich (Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes e.V.)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>in:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sozialdemokratie in Brandenburg (1868\u20131933): Lebenswege zwischen Aufbruch, Aufstieg und Abgrund; von Willi Carl (Herausgeber), Martin Gorholt (Herausgeber), Sabine Hering (Herausgeber); Dietz, J.H.W., Nachf., 2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein unbehauener Findling auf dem Babelsberger (Nowaweser) Goethefriedhof, vielleicht gar in der Sandscholle nebenan geborgen und hier zu Ehren des Sozialisten aufgestellt. Die Grabinschrift, selten genug in damaliger Zeit, ohne Daten, nur in Handschrift sein Name und den seiner Frau Helene eingraviert. Nichts weiter. Selbst hier also: der gro\u00dfe Modernisierer in einer Zeit, wo eher Grabkreuze und monumentale Erbbegr\u00e4bnisse den Friedhof schm\u00fcckten. Beide S\u00f6hne: Arno, der stadtbekannte Architekt und Kurt, der G\u00e4rtner, werden sicherlich entscheidend die Grabst\u00e4tte gestaltet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neumanns: Eine jener Nowaweser Arbeiterfamilie, die die Geschichte des Ortes in der vor- und nachrevolution\u00e4ren Zeit pr\u00e4gten. Und wie! Freund wie Feind, und davon hatten die Neumanns unter den Arbeitern einerseits und den \u00bbB\u00fcrgerlichen\u00ab und Monarchisten anderseits unz\u00e4hlige. \u00bbViel Feind\u2019, viel Ehr\u2019!\u00ab schien fast so eine Art Lebensmotto von Paul Neumann gewesen zu sein. In der k\u00e4mpferischen Tradition des Gewerkschafters, Sozialdemokraten, Gemeindepolitikers und Gastwirtes Karl Gruhl (1862\u20131911) politisch gereift, wird man ihn bald den \u00bbRoten Zaren von Nowawes\u00ab nennen und seinen Sohn Arno den \u00bbZarewitsch\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>In beengten, gedr\u00fcckten Verh\u00e4ltnissen, dem Weberelend des 19. Jahrhunderts kaum entronnen, hat Paul Neumann am 20. Juli 1865 fr\u00fch um 6.00 Uhr in der Kreuzstra\u00dfe Nr. 4 das Licht der Welt erblickt. Pauls Vater, der Webermeister Josef Neumann und seine Mutter Emilie, eine geborene Sotschek, stammen beide aus altem Nowaweser \u00bbAdel\u00ab. Insofern verwundert es nicht, dass auch Sohn Paul das Weberhandwerk erlernt, wie so viele seiner damaligen Altersgenossen. Noch als Webergesell heiratet er mit 23 Jahren am 15. M\u00e4rz 1889 die 19-j\u00e4hrige Helene Noack, eine Nachbarstochter, in der Friedrichskirche im alten Herzen von Nowawes. Es wird das letzte Mal sein, dass sie vor \u00bbGottes Thron\u00ab treten. Als Anh\u00e4nger einer zunehmend freidenkerischen Bewegung innerhalb der \u00f6rtlichen Sozialdemokratie werden ihre Kinder Arno (1892\u20131946), Erna (1897\u20131962) und Kurt (1899\u20131985) nicht mehr getauft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erste politische Schritte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Dunkel der Geschichte tritt Paul Neumann erstmalig in das Rampenlicht der \u00d6ffentlichkeit, als der Vorw\u00e4rts in seiner Ausgabe vom 14. Oktober 1894 titelte: \u00bbEtwas von der Heiligkeit des Eigentums, der Staatsanwaltschaft und der Polizei\u00ab. Anlass war eine Rechtsauseinandersetzung zur Wiedererlangung beschlagnahmter B\u00fccher Neumanns am 2. Juni 1893 durch die Polizei. Der Aufr\u00fchrer ist nicht einmal 28 Jahre und schon so ein aufm\u00fcpfiger Geist \u2013 und ein belesener dazu! Vertrauensmann und Agitator ergreift er erstmalig auf der sozialdemokratischen Versammlung des Wahlkreises Teltow-Beeskow, zu dem Nowawes geh\u00f6rt, am 22. September 1895 in Rixdorf in einer Debatte \u00fcber die Di\u00e4ten sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter das Wort. Auch fordert er, nicht nur den 1. Mai als Feiertag einzuf\u00fchren, sondern gleich das gesamte Arbeitsschutzrecht zu ver\u00e4ndern. Viel Freunde macht er sich damit bei seinen Genossen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem wird er schon 1896 beim Gothaer SPD-Parteitag als direkter Delegierter aus Teltow-Beeskow gew\u00e4hlt. Am 8. M\u00e4rz 1896 ist es dann so weit: Im Beisein von Wilhelm Liebknecht, der unter gro\u00dfem Beifall zu den Nowaweser Arbeitern spricht, wird Paul Neumann mit nur 31 Jahren f\u00fcr die Gemeinderatswahlen aufgestellt. Er kandidiert f\u00fcr seinen sozialdemokratischen Wahlverein in der 3. Klasse des preu\u00dfischen Wahlrechtes, also f\u00fcr die \u00bbUnterschicht\u00ab, die weitestgehend Besitzlosen, die zwar die gro\u00dfe Mehrheit in der Weberkolonie ausmachen, denen aber nur ein Drittel der Sitze in der Gemeindevertretung zustehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 27 Jahren wird er Redakteur des Vorw\u00e4rts \u2013 Berliner Volkszeitung, Central-Organ der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, sp\u00e4ter wechselt er dann in die Buchhandlung des Vorw\u00e4rts in der Berliner Lindenstra\u00dfe 2-4, bis er dann von \u00bbseinen\u00ab Genossen Mitte 1917 wegen seiner USPD-Mitgliedschaft hinausgeworfen wird. Bis zu diesem Bruch werden aber noch viele Jahre vergehen. Seine T\u00e4tigkeit beim Berliner Vorw\u00e4rts wird ihn auch materiell so weit absichern, dass die junge Familie Neumann das Haus seiner verwitweten Mutter Emelie in der Kreuzstra\u00dfe verlassen kann und nunmehr in die gar nicht mehr so proletarische Gegend, in die Heinestra\u00dfe 26, zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in der Heinestra\u00dfe herrscht nicht mehr die Enge und Armut aus den alten Nowaweser Weberquartieren. Neue Nachbarn sind solche Herrschaften wie K\u00f6nigliche Kreissekret\u00e4re, G\u00e4rtnereibesitzer, Fabrik- und Bankdirektoren, aber auch in Nr. 10 Alwine Gruhl, die Frau des 1911 verstorbenen Karl Gruhl, dem \u00bbNestor\u00ab der Nowaweser Linken. Der Verbundenheit von Paul Neumann zur Nowaweser Arbeiterschaft, sein Kampf f\u00fcr Gleichheit, Freiheit und Sozialismus tut der Wohnortswechsel keinen Abbruch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neue Aufgaben in der \u00bbLandgemeinde Nowawes\u00ab<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1907 dann eine Art Zeitenwende in der ehemaligen \u00bbWeberkolonie Friedrich II.\u00ab. Mit seinen zumeist verarmten 19.000 Einwohnern vereinigt sich Nowawes mit dem eher b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Neuendorf mit seinen 7.000 Einwohnern zur neuen \u00bbLandgemeinde Nowawes\u00ab. Auch f\u00fcr die organisierte Arbeiterbewegung ist dies eine neue Herausforderung. Zwar tr\u00e4gt der SPD-Wahlverein schon Jahre vorher den Namen Nowawes-Neuendorf, aber w\u00e4hrend die Sozialdemokratie im Nowaweser Gemeinderat schon Jahrzehnte f\u00fcr die Interessen der Arbeitenden k\u00e4mpfen kann, war ihr der Einzug in das Neuendorfer Gemeindeparlament bisher nicht gelungen. 1907 ist nun die Situation eine v\u00f6llig andere. Die Kommunalpolitik f\u00fcr gut 26.000 Einwohner mitzugestalten, ruft auch Paul Neumann wieder auf den Plan. Trotz seiner aufreibenden T\u00e4tigkeit in der Berliner Lindenstra\u00dfe stellt er sich seinem \u00f6rtlichen Wahlverein zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht etwa am Wochenende, sondern werktags am Montag, den 21. und Dienstag, den 22. Januar 1907 findet die Gemeinderatswahl der III. Abteilung f\u00fcr die fusionierte Gebietsk\u00f6rperschaft statt. Mit 1.255 gegen 255 Stimmen f\u00e4hrt die Sozialdemokratie einen gl\u00e4nzenden Sieg ein. Dies sind auch 314 Stimmen mehr als bei den vorherigen Gemeinderatswahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Neumann, jetzt 42 Jahre alt, ist neben seinen Genossen Karl Gruhl, Paul Fesser, Richard Frenzel, Karl Gomoll, Otto Hiemke und Ernst Z\u00f6llner nunmehr Gemeindevertreter. Er wird in der Kommunalvertretung seines Ortes bis zu seinem Tode 1923 aktiv sein. Auch wenn die B\u00e4ume Pauls nicht gleich in den Gemeindehimmel wachsen, dauert es dennoch nicht lange, dass er sich f\u00fcr die sozialen Belange der Nowaweser Arbeiter lauthals artikuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>So kritisiert er zusammen mit Karl Gruhl schon im Juli 1907 die hohen Wasserpreise in der Gemeinde. Unter den Gemeindevertretern immer noch ein \u00bbjunger Hase\u00ab, widmet er sich in seiner beschr\u00e4nkten Freizeit auch der Arbeit mit der Jugend der Gemeinde. Bei einer der ersten Arbeiter-Jugendversammlungen in Nowawes in Singers Volksgarten ist er dabei. Daher ist es nur konsequent, dass er sich f\u00fcr die Ausbildung der Weberjugend in der Fortbildungsschule am Weberplatz bem\u00fcht. Aber was nutzt die Schule, wenn man sie nicht nutzen kann? Als im April 1909 dazu die Debatte in der Gemeindevertretung gef\u00fchrt wird, greift Paul Neumann die Arbeitgeber scharf an, die es ihren Gesellen nicht ausreichend erm\u00f6glichen, die Fortbildungsschule zu besuchen. So stellt er fest, dass so mancher Sch\u00fcler fast die H\u00e4lfte seiner Unterrichtsstunden vers\u00e4umt, da er keine Freigabe von seinem Arbeitgeber erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem viel zu fr\u00fchen Tod des \u00bbNestors\u00ab der Nowaweser Arbeiterbewegung, Karl Gruhl, im Jahre 1911 mit nur 49 Jahren, f\u00e4llt es Paul Neumann zu, die L\u00fccke zu schlie\u00dfen. Nach seinen ersten sechs Jahren als Gemeindevertreter stehen 1913 Kommunalwahlen an. Er kandidiert erneut und wird gew\u00e4hlt. Dennoch ist die Freude nicht ungetr\u00fcbt. Wegen der geringen Wahlbeteiligung der Nowaweser Arbeiterschaft kommt im Wahlverein zu Auseinandersetzungen. So kritisiert Paul Neumann den mangelhaften Besuch der Veranstaltungen des Wahlvereins durch seine Mitglieder. Der Vereinsvorsitzende Karl Krohnberg h\u00e4lt ihm entgegen, dass eine Vielzahl der Sozialdemokraten durch \u00f6rtliche Vereine zu sehr in Anspruch genommen sei. Paul Neumann gibt zu Protokoll, dass die Laubenkolonisten mehr mit ihren Lauben besch\u00e4ftigt seien als mit ihrem Engagement in der Partei oder den Gewerkschaften. Freunde werden Neumann und Krohnberg nun nicht mehr werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorfeld des Jenaer Parteitages 1913 kommt es erneut zu heftigen Debatten \u00fcber den Sinn der allj\u00e4hrlichen Maifeier. Paul Neumann beklagt, dass das Abflauen des Interesses an der Maifeier Schuld einiger Gewerkschaftsfunktion\u00e4re sei, die f\u00fcr eine einheitliche Durchf\u00fchrung der Arbeitsruhe bisher keinen Finger gekr\u00fcmmt h\u00e4tten und dass die Verlegung der Maifeier auf einen Sonntag das Unsinnigste w\u00e4re, was jemals beschlossen worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Krieg oder Frieden \u2013 Paul Neumann bei den Linkssozialisten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der heraufziehenden Kriegsgefahr versammelt sich am Donnerstag, dem 29. Juli 1914, die Nowaweser Arbeiterschaft zu einer ihrer bisher gr\u00f6\u00dften Massenveranstaltungen. Da der gro\u00dfe Saal bei Singer nicht ausreicht, verlegt man die Veranstaltung in den Garten des Arbeiterlokals. Kurt Heinig (1886\u20131956) spricht in bedr\u00fcckender Stimmung \u00fcber die herannahende Kriegskatastrophe: \u00bbDie Sozialdemokratie aller L\u00e4nder will keinen Krieg.\u00ab Die imposante Versammlung reagiert mit einem tausendfachen Hoch auf dem V\u00f6lkerfrieden. Drei Tage sp\u00e4ter ist das alles vergessen. Noch im Januar 1915 erkl\u00e4rt sich die SPD Nowawes nach einem Referat von Fritz Zubeil mit der Zustimmung der Reichstagsfraktion f\u00fcr die Kriegskredite einverstanden. Es wird die letzte kriegsbejahende, einheitliche Verlautbarung der Nowaweser Genossen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen die \u00bbBewilligungspolitik\u00ab der SPD im Reichstag formulieren am 9. Juni 1915 Karl Liebknecht und Georg Ledebour ein Protestschreiben in Form eines Flugblattes an den Parteivorstand, das mehr als 1.000 oppositionelle Parteimitglieder unterzeichneten, darunter auch als einziger Nowaweser der Gemeindevertreter Paul Neumann:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00bbKeinem, der noch l\u00e4nger z\u00f6gert, kann f\u00fcrderhin Gutgl\u00e4ubigkeit und Unkenntnis zugebilligt werden. Der Tatbestand liegt unzweideutig; die Situation ist vom letzten Nebel gekl\u00e4rt. Die Alternative lautet schlechthin: Parteirettung oder Parteizerst\u00f6rung. [\u2026] Wir fordern, dass Fraktion und Parteivorstand endlich ohne Zaudern dem Parteiverderben Einhalt tun, den Burgfrieden aufsagen und auf der ganzen Linie den Klassenkampf nach den Grunds\u00e4tzen des Programms und den Parteibeschl\u00fcssen, den sozialistischen Kampf f\u00fcr den Frieden er\u00f6ffnen. Die Verantwortung f\u00fcr alles, was sonst kommt, f\u00e4llt denen zu, die die Partei auf die absch\u00fcssige Bahn getrieben haben und ferner darauf erhalten wollen.\u00ab<\/em> (Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1958, S. 174.)<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er zu den Unterzeichnern, von denen ca. 40 Prozent aus den Berliner Parteiorganisationen kamen, geh\u00f6rt, ist sicherlich auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass er als Vorw\u00e4rts-Mitarbeiter in Berlin direkt im Zentrum der Auseinandersetzungen t\u00e4tig ist und damit weit mehr als andere Oppositionelle der \u00bbProvinz\u00ab Zugang zu den innerparteilichen Kritikern der SPD-Kriegspolitik hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur gut zwei Monate sp\u00e4ter kommt es zum endg\u00fcltigen Bruch: Fritz Zubeil, der Abgeordnete f\u00fcr Nowawes stimmt mit weiteren 17 Genossen der Reichstagsfraktion gegen die Bewilligung neuer Kriegskredite. Die Mehrheit im Parteivorstand und der Reichstagsfraktion geht mit gro\u00dfer Entschiedenheit gegen diese innerparteiliche Opposition vor und schlie\u00dft am 24. M\u00e4rz 1916 unter anderem Hugo Haase und Fritz Zubeil aus der Fraktion aus. Die Ausgeschlossenen bilden umgehend eine \u00bbSozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft\u00ab \u2013 die Keimzelle der k\u00fcnftigen USPD.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Nowaweser SPD erreichen die innerparteilichen Auseinandersetzungen um \u00bbKrieg und Frieden\u00ab. Viele Genossen sind zum Milit\u00e4r eingezogen. Dadurch und durch die strikte Pressezensur ist die Handlungsf\u00e4higkeit der \u00f6rtlichen Sozialdemokratie stark eingeschr\u00e4nkt. Die Daheimgebliebenen versammeln sich am 4. Juni 1916 zur Mitgliederversammlung des Wahlvereins, unter ihnen auch Paul Neumann. Er stellt den Antrag, \u00bbbei etwaigen Entschlie\u00dfungen im Sinne der Bestrebungen der (sozialdemokratischen) Arbeitsgemeinschaft und des Genossen Zubeil zu stimmen\u00ab. Der Antrag wird mit 18 zu 14 Stimmen beschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Gr\u00fcndung der \u00bbUnabh\u00e4ngigen\u00ab<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sollte es an diesem Tage nicht bleiben. Eine Woche zuvor,am 1. Mai 1916, tritt Karl Liebknecht auf einer Antikriegsdemonstration am Potsdamer Platz unter der Losung \u00bbNieder mit demKrieg! Nieder mit der Regierung!\u00ab vor Tausenden Arbeitern auf.Der Milit\u00e4rstaat zaudert nicht lange. Liebknecht wird von derPolizei verhaftet und angeklagt. Dieses Vorgehen gegen den Radikalen nimmt Paul Neumann zum Anlass, in der Wahlvereinsversammlung eine Sympathieresolution f\u00fcr Karl Liebknecht vorzulegen, die dann auch einstimmig (!) verabschiedet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzungen zwischen den Anh\u00e4ngern der \u00bbSozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft\u00ab einerseits und der Ebert-Scheidemann-Mehrheit andererseits spitzen sich sowohl im Wahlkreis Teltow-Beeskow als auch vor Ort in Nowawes weiter zu. Neben grunds\u00e4tzlich unterschiedlichen Haltungen zur Kriegs- und Friedensfrage \u00fcberh\u00e4ufen sich die Genossen mit Gesch\u00e4ftsordnungsfragen und auch pers\u00f6nlichen Angriffen. Dabei muss auch ber\u00fccksichtigt werden, dass gerade der Wahlkreis Teltow-Beeskow von Fritz Zubeil, der nunmehr ja der USPD angeh\u00f6rt, als besonders oppositionell galt, zumal er neben Nowawes auch die gro\u00dfen Berliner Vororte Neuk\u00f6lln, Charlottenburg und Sch\u00f6neberg umfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Adolph Hoffmann (sp\u00e4ter USPD, KPD, SPD) wird ein ausgewiesener Linker und Kriegsgegner Vorsitzender der sozialdemokratischen Wahlvereine von Berlin und Umgebung. Damit stellt sich eine Mehrheit der Berliner Parteiorganisationen gegen die Partei im Reich. Noch wird von der Opposition die Einheit der Partei beschworen. Dennoch machen die Auseinandersetzungen auch nicht mehr halt vor dem Parteiblatt Vorw\u00e4rts, das in seiner Zwitterstellung sowohl Sprachrohr des Vorstandes (Ebert) als auch mit dem Untertitel Berliner Volksblatt der \u2013 nunmehr oppositionellen \u2013 Berliner Parteiorganisation ist. Es erfolgt der \u00bbVorw\u00e4rts-Raub\u00ab \u2013 so die Unterstellung des Parteiblattes unter dem neuen Ebert-konformen Chefredakteur Friedrich Stampfer. Die damit verbundenen Konflikte werden auch am Arbeitsplatz von Paul Neumann eine politische Atmosph\u00e4re schaffen, die ein halbes Jahr sp\u00e4ter sein berufliches Ende bei der Parteipresse bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer von den Anh\u00e4ngern der \u00bbSozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft\u00ab scharf kritisierten Einladungspolitik versucht am 4. August 1916 der bisherige Nowaweser SPD-Vorstand auf einer au\u00dferordentlichen Mitgliederversammlung das Blatt noch zugunsten der Reichstagsfraktion zu wenden. Paul Neumann \u2013 an diesem Tage in der Minderheit \u2013 wirft dem Vorstand unter Karl Krohnberg vor, Beschl\u00fcsse des Vereins gr\u00f6blich missachtet zu haben. Nur wenige Tage sp\u00e4ter, am 11. August, kommt es dann im Nowaweser Wahlverein zum \u00bbShowdown\u00ab: F\u00fcr die \u00bbLinken\u00ab berichtet Fritz Frenken und f\u00fcr die \u00bbRechten\u00ab Dr. Paul Lensch. Mit 82 zu 42 Stimmen siegen die Linken, die nunmehr auch st\u00e4rker unter den Genossen mobilisiert hatten. Das wirkt sich auch auf den Ortsvorstand aus. Mit Karl Gruhl jun. und Fritz Frenken r\u00fccken ausgewiesene Linke in den Vorstand auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 10. September ist es Gewissheit: Die Nowaweser SPD bezahlt ihre Beitr\u00e4ge an den neuen (linken) Kreisvorstand. Am 4. Oktober 1916 treffen sich die unterlegenden \u00bbMehrheits-Sozialdemokraten\u00ab (Ebert-Scheidemann) von Nowawes und konstituieren aus Sicht der \u00f6rtlichen linken Mehrheit eine \u00bbSonderorganisation\u00ab. Die Ereignisse \u00fcberschlagen sich. Nicht einmal drei Wochen sp\u00e4ter, am 25. Oktober, versammelt sich die linke Mehrheit und beschlie\u00dft, den Kreisvorstand in seiner oppositionellen Haltung zu unterst\u00fctzen. Fritz Frenken und Paul Neumann werden Kreisdelegierte. Nach der Reichskonferenz der SAG am 9. Januar 1917 in Berlin, die sich \u00bbals unumg\u00e4ngliches Abwehrmittel gegen statutenwidrige und parteisch\u00e4digende Handlungen des Parteivorstandes\u00ab versteht, erkl\u00e4rt der SPD-Parteivorstand im Reich am 18. Januar 1917, dass sich die Mitglieder der SAG von der Partei getrennt h\u00e4tten. Damit ist der endg\u00fcltige Bruch vollzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 11. Februar 1917 beschlie\u00dft die linke Berliner Generalversammlung, sich mit allen oppositionellen Organisationen reichsweit zusammenzuschlie\u00dfen. Im Gegensatz dazu gr\u00fcndet der Ebert-Parteivorstand \u00fcberall dort neue Wahlvereine, wo die Linken die Mehrheit haben. In Nowawes ist dieser Prozess schon im Gange. Der alte Vereinsvorsitzende Karl Krohnberg \u00fcbernimmt wieder den Vorsitz der Nowaweser Mehrheitssozialdemokraten, die im Ort aber in der Minderheit bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Neumann und Genossen machen sich auf den Weg zur Konstituierung einer neuen sozialistischen Partei. Am 6. April 1917 wird sie dann in Gotha gegr\u00fcndet \u2013 die USPD. Paul Neumann ist gleich bei den \u00bbUnabh\u00e4ngigen\u00ab. Doch die werden beim \u00bbgeraubten\u00ab Berliner Vorw\u00e4rts der Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) nicht mehr geduldet. Nach 25 Jahren Arbeit f\u00fcr das Flaggschiff der sozialdemokratischen Presse in Berlin wird er Mitte 1917 aus der Vorw\u00e4rts-Buchhandlung entlassen. Begr\u00fcnden die einen dies mit fehlender Arbeit, vermuten andere eine klare Ma\u00dfregelung wegen seiner USPD-Mitgliedschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Gemeindefraktion \u00fcberst\u00fcrzen sich im August 1917 die Ereignisse. Paul Neumann und Otto Hiemke erkl\u00e4ren ihren Austritt aus der Fraktion. Zur\u00fcck bleiben Dietrich Osmer, Ernst Z\u00f6llner und Hermann H\u00e4hnchen. Auch privat ver\u00e4ndert sich so manches. Die Neumanns verkaufen im Juli 1917 ihr Haus in der Heinestra\u00dfe und erwerben ein Grundst\u00fcck in der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe 184. Ob die Arbeitslosigkeit Paul Neumanns der Grund f\u00fcr den Hausverkauf ist, kann vermutet werden. Hinzu kommt sicherlich auch, dass der Sohn Arno sich selbstst\u00e4ndig macht und aus der elterlichen Wohnung auszieht und Kurt als G\u00e4rtner nun eine eigene G\u00e4rtnerei an der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe betreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der breiten Unterst\u00fctzung der \u00bbUnabh\u00e4ngigen\u00ab unter dem Nowaweser Industrieproletariat sind die unter Kriegsbedingungen durchgef\u00fchrten Gemeindewahlen am 10. M\u00e4rz 1918 eine Ern\u00fcchterung. Noch scheinen die Mehrheitssozialdemokraten auch durch ihr pers\u00f6nliches Ansehen f\u00fcr viele Arbeiter der beste Garant ihrer Interessenvertretung zu sein:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der \u00bbRote\u00ab Paul Neumann macht Revolution in Nowawes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Revolution am Samstag, dem 9. November 1918, \u00e4ndert sich die Situation schlagartig. In Berlin wird von Philipp Scheidemann die \u00bbdeutsche Republik\u00ab und einige Stunden sp\u00e4ter von Karl Liebknecht die \u00bbsozialistische Republik\u00ab ausgerufen. Die Nachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer in Nowawes. In der Lokfabrik von Orenstein &amp; Koppel werden umgehend aus den Reihen der Arbeiter revolution\u00e4re Obleute gew\u00e4hlt, an der Spitze Emil Treptow (USPD). Um 11.00 Uhr stehen dann alle R\u00e4der still. Nachmittags treffen sich Nowaweser USPDler im Lokal von Otto Hiemke in der Wallstra\u00dfe. Gegen 20 Uhr kommen auch Paul und Arno Neumann, Emil Treptow und andere Parteifunktion\u00e4re der USPD zu Hiemke und man beschlie\u00dft, das Rathaus zu besetzen. Bis zu 70 Demonstranten mit Unterst\u00fctzung revolution\u00e4rer Soldaten des 3. Potsdamer Garde-Ulanen Regiments gelingt unter Mitnahme des alten sozialdemokratischen Banners und roter Fahnen die Besetzung ohne Zwischenf\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der auf dem Rathaus gehissten roten Fahne konstituiert sich am Sonntag, dem 10. November 1918 im gro\u00dfen Gemeindesaal der \u00bbNowaweser Arbeiter- und Soldatenrat\u00ab. Die Wahl beweist den F\u00fchrungsanspruch der \u00bbUnabh\u00e4ngigen\u00ab. Paul Neumann und sein Sohn Arno, Karl D\u00fcrre und Emil Treptow \u2013 alle f\u00fcr die USPD und Paul Singer f\u00fcr die MSPD sind die Hauptakteure. Der bisherige B\u00fcrgermeister Winkelmann wird abgesetzt und eine rote Sicherheitswehr aufgestellt. Der neue Rat \u00fcbernimmt die Aufgaben der Gemeindeverwaltung, Paul Neumann wird \u00bbkommissarischer Gemeindevorsteher\u00ab oder richtiger \u00bbkommissarischer B\u00fcrgermeister\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Auseinanderbrechen der parit\u00e4tisch besetzten Regierung der Volksbeauftragten aus MSPD und USPD am 29. Dezember 1918 nimmt auch in der politisch organisierten Arbeiterbewegung in Nowawes die Auseinandersetzung an Sch\u00e4rfe zu. Am 3. Januar 1919 versammeln sich die Anh\u00e4nger der USPD zu einer \u00f6ffentlichen Volksversammlung in Singers Volksgarten mit dem 71-j\u00e4hrigen Reichstagsabgeordneten Fritz Zubeil, der \u00bbin einer wuchtigen Rede das Regierungs- und Unterdr\u00fcckungssystem der Volksmassen\u00ab anklagt und mit den \u00bbbisherigen Machthabern\u00ab abrechnet.\u00ab (Zit. in: Freiheit \u2013 Zeitschrift der USPD.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit gro\u00dfem Optimismus hoffen die Anwesenden, aus den kommenden Wahlen als Sieger hervorzugehen. Auf Reichsebene wird dies eine Illusion bleiben, in Nowawes hingegen werden die Uhren anders ticken. Doch schon an diesem Abend folgen nicht alle USPDler dem Kurs von Paul Neumann. Eine kleine Minderheit trifft sich an diesem Abend sowohl im Arbeiterlokal von Pelz in der M\u00fchlenstra\u00dfe 7 als auch von Hiemke in der Wallstra\u00dfe 55 und folgen dem Aufruf der drei Tage zuvor in Berlin gegr\u00fcndeten KPD und bilden erste, wenn auch f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre in Nowawes noch relativ unbedeutende Ortsgruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 8. Januar 1919 setzen sich die Nowaweser USPD-Mitglieder mit der Trennung von USPD und \u00bbSpartakus\u00ab auseinander. Schon auf der Kreisgeneralversammlung der USPD Teltow-Beeskow am 1. Januar 1919 ist Paul Neumann einer der energischsten Gegner der aus seiner Sicht sektiererischen Gr\u00fcndung der KPD. So stritt er f\u00fcr den Ausschluss all jener aus der USPD, die sich der neugegr\u00fcndeten Partei angeschlossen haben, da sie nunmehr Gegner der USPD seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 \u2013 die KPD boykottiert diese \u2013 erreicht die USPD in Nowawes entgegen dem Reichstrend 38,0 Prozent der Stimmen, die MSPD nur 30,4 Prozent. Fritz Zubeil bleibt auch f\u00fcr die Nowaweser Arbeiter ihr Reichstagsabgeordneter, einer von jedoch nur 22 USPD-Abgeordneten in Weimar. Doch die Wahl hat im \u00bbBruderkampf\u00ab der beiden sozialistischen Parteien noch ein Nachspiel: Im Vorw\u00e4rts wird der Nowaweser USPD vorgeworfen, mit der \u00bbAndrohung von Handgranaten, Arbeiter am Wahltag zum Streik gen\u00f6tigt zu haben\u00ab. Besonders hat man es auf Paul Neumann abgesehen. Er h\u00e4tte zusammen mit Franz G\u00fcth \u00bbschnoddrige Reden mit \u00fcblichen Gebr\u00fcll\u00ab gegen Ebert und Scheidemann vom Balkon des Rathauses aus gehalten. Zwar distanzieren sich eine Woche sp\u00e4ter Funktion\u00e4re der Nowaweser MSPD von einigen \u00dcbertreibungen und Unrichtigkeiten in der Berichterstattung. Dennoch: Pers\u00f6nliche Verletzungen werden auf beiden Seiten bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reformbestrebungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die am 23. M\u00e4rz 1919 abgehaltenen Kommunalwahlen festigen weiterhin den Ruf des \u00bbRoten Nowawes\u00ab als Hochburg der \u00bbUnabh\u00e4ngigen\u00ab, der Linkssozialisten. Dabei treten nicht einmal erkennbare Parteilisten an, sondern Namenslisten. Doch sind die Personen bereits so in aller Munde, dass beim Nennen der Namen schon deren politische Orientierung stadtweit bekannt ist. Es muss f\u00fcr Paul Neumann und Genossen mehr als eine Genugtuung gewesen sein, nach Jahrzehnten der wahlrechtlichen Unterdr\u00fcckung nunmehr im \u00bbRoten Nowawes\u00ab den Ton angeben zu k\u00f6nnen \u2013 und zusammen mit der MSPD unter dem Nowaweser Arbeitsamtsdirektor und sp\u00e4teren Herforder Oberb\u00fcrgermeister Dietrich Osmer (1883\u20131944) eine satte Mehrheit von 66 Prozent der Stimmen der Nowaweser errungen zu haben. Nie wieder werden die Linken in Nowawes einen solchen grandiosen Sieg feiern k\u00f6nnen. Aber jetzt, im M\u00e4rz 1919 scheint die sozialistische Revolution so nah \u2013 zumindest in Nowawes. Gest\u00fctzt auf die Arbeitermassen aus den gro\u00dfen Betrieben des Maschinenbaus und der Textilindustrie, Anf\u00fchrern der gro\u00dfen, kampfstarken Metall- und Textilgewerkschaften, der Konsumgenossenschaft, des Mietervereins und der neuen sozialen Einrichtungen, ist Paul Neumann als \u00bbkommissarischer\u00ab Gemeindevorsteher bem\u00fcht, mit der neuen \u00bbsozialistischen\u00ab Mehrheit grundlegende kommunalpolitische Reformen im Wohnungs-, Gesundheits- und Bildungsbereich anzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Linkssozialistische Bildungspolitik in den Fokus Nowaweser Gemeindepolitik ger\u00fcckt zu haben, ist ein Verdienst des Mitstreiters von Paul Neumann, des Nowaweser Lehrers und preu\u00dfischen Staatsrats der USPD, sp\u00e4ter wieder SPD, Bruno La Grange (1882\u20131932). Schon im Juni 1921 bietet er mit Unterst\u00fctzung der Gewerkschaften und der Freireligi\u00f6sen Gemeinde in einem Klassenraum der 4. Gemeindeschule in der Scharnhorststra\u00dfe Lebenskundeunterricht f\u00fcr Kinder, die vom Religionsunterricht abgemeldet sind, an. Der Weimarer Schulkompromiss vom August 1919 erm\u00f6glichte jedoch, noch einen Schritt weiterzugehen, um alle nichtkonfessionellen Kinder in einer eigenen Schule \u2013 einer \u00bbSammelschule\u00ab \u2013 zusammenzuf\u00fchren. Nach dem Beispiel der Berliner p\u00e4dagogischen Reformbewegung in den dortigen Arbeiterbezirken wird auf Initiative der \u00f6rtlichen Arbeiterparteien am 23. April 1922 die erste (!) weltliche Sammelschule der Provinz Brandenburg in der Priesterstra\u00dfe (heute Bruno-H.-B\u00fcrgel-Schule) gegr\u00fcndet. Erst die Nazis stellen den Schulbetrieb im April 1933 ein und l\u00f6sen die Schule auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Ergebnis des nachrevolution\u00e4ren Aufbruchs unter der \u00c4gide von Paul Neumann ist auch die Bestellung eines ausgewiesenen sozialreformerischen Gemeindearztes. 1919 begann der Sozialmediziner und sp\u00e4tere leitende Stadtarzt von Berlin-Kreuzberg, Curt Bejach (1889\u20131944), seine Arbeit als \u00bbStadtarzt\u00ab von Nowawes. Ihm folgte das USPD-Mitglied und sp\u00e4tere leitende Stadtarzt von Berlin-Reinickendorf, Max Hodann (1894\u20131946), ein Pionier der marxistischen Sexualp\u00e4dagogik. Sein B\u00fcro hatte er im Rathaus. 1922 folgte ihm dann in Nowawes der Sozialhygieniker Georg L\u00f6wenstein (1890\u20131998), der sp\u00e4tere leitende Stadtarzt von Berlin-Lichtenberg wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wegweisend war das Engagement Paul Neumanns, neue reformerische Ideen anzugehen und umzusetzen, um die Wohnungsnot der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zu lindern. Gegen den Widerstand der b\u00fcrgerlichen Parteien setzte er durch, dass gro\u00dfe Teile der unbebauten Sandscholle in der Neuendorfer Gemarkung s\u00fcd\u00f6stlich der Eisenbahnlinie vom Fiskus gleich nach der Revolution erworben und somit kommunales Bauland wurden. Im Auftrage der Gemeinde wurden die ersten 20 kommunalen H\u00e4user entlang der Stahnsdorfer Stra\u00dfe im Stil einer Gartenstadt errichtet. Die \u00bbNeumannsche\u00ab Sandscholle war dann auch in den n\u00e4chsten Jahrzehnten jenes Areal der Stadt Nowawes, wo kommunaler und genossenschaftlicher Wohnungsbau in gro\u00dfen Stil realisiert werden konnte. So baute die Stadt ab 1925 entlang der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe und die 1928 von Gewerkschaftern gegr\u00fcndete GEWOBA entlang des Sch\u00fctzendamms (heute Paul-Neumann-Stra\u00dfe). Auch das von Paul Neumann verfochtene \u00bbBauen zum Eigenbedarf\u00ab und nicht als Renditeobjekt wurde von vielen Arbeitern und Angestellten entlang der Rosenstra\u00dfe und des Blumenweges realisiert. Ohne den mutigen Schritt von Neumann und Genossen im Jahre 1918 w\u00e4re der soziale Wohnungsbau in Nowawes nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Kapp-Putsch und die Folgen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als am 13. M\u00e4rz 1920 in Berlin General Walther von L\u00fcttwitz und der K\u00f6nigsberger Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp mit Unterst\u00fctzung von Erich Ludendorff gegen die Reichsregierung putschte und auch die Potsdamer Garnison sich hinter die Putschisten stellte, folgten die Nowaweser Arbeiter umgehend dem Aufruf der Arbeiterparteien und Gewerkschaften zum Generalstreik. Unverz\u00fcglich bildete sich im Geb\u00e4ude des Konsums in der Katzbachstra\u00dfe (heute Fritz-Zubeil-Stra\u00dfe) ein 15er-Ausschuss aus den drei Arbeiterparteien USPD, SPD und KPD, der w\u00e4hrend des Streiks daf\u00fcr Sorge trug, dass Notstandsarbeiten ausgef\u00fchrt, Lebensmittel verteilt und Schulen mit Kohlen versorgt wurden. Trotz der \u00fcberw\u00e4ltigenden Streikbereitschaft der Arbeiter bestand die Gefahr des Einmarsches putschender Reichswehreinheiten aus Potsdam. Unter dem Vorwand, ein angebliches Waffenlager der Arbeiter, das es aber gar nicht gibt, zu beschlagnahmen, entsandte der Kommandant der Garnison Potsdam, Generalmajor Walter von der Hardt, Milit\u00e4r nach Nowawes, um eine \u00bbbewaffnete R\u00e4terepublik\u00ab (Polizeibericht) niederzuschlagen. Dem Milit\u00e4r gelingt es jedoch nicht, Mitglieder des 15er-Komitees, insbesondere die bekannten USPD-Arbeiterf\u00fchrer Emil Treptow und Paul Neumann, zu verhaften. Das Milit\u00e4r fahndet insbesondere nach dem \u00bbF\u00fchrer und Hetzer der kommunistischen (!) Gewaltbewegung\u00ab, dem Sohn von Paul Neumann, Arno Neumann, der zu dieser Zeit in der USPD ist, sp\u00e4ter wieder zur SPD zur\u00fcckkehrt und nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus erster Potsdamer Baustadtrat wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Niederschlagung des Kapp-Putsches durch den Widerstand aller Arbeiter ungeachtet ihrer politischen Orientierung hoffen viele auf eine Neubelebung bisher unvollendet gebliebener revolution\u00e4rer Forderungen wie der nach Sozialisierung und Entmilitarisierung. Die neue Regierung der \u00bbWeimarer Koalition\u00ab aus MSPD, DDP und Zentrum unter F\u00fchrung des Sozialdemokraten Hermann M\u00fcller entt\u00e4uscht jedoch viele Arbeiter, die gemeinsam gegen Kapp und die Reaktion Front gemacht hatten. Bei den Reichstagswahlen am 6. Juni 1920 erleidet die MSPD eine heftige Niederlage. Viele Arbeiter w\u00e4hlten jetzt erst recht die Linkssozialisten von der USPD. Die KPD tritt zwar erstmalig zu Wahlen an, blieb aber weiterhin relativ bedeutungslos. Die Entwicklung der USPD zur dominierenden radikalsozialistischen Massenpartei gerade in Berlin und auch in Nowawes f\u00fchrt zu heftigen innerparteilichen Orientierungsk\u00e4mpfen, die auch von angefeuert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Trennung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der 2. Weltkongress, der als Kommunistische Internationale vom 19. Juli bis 7. August 1920 in Moskau stattfindet, beschlie\u00dft jene \u00bb21 Moskauer Bedingungen zur Aufnahme in die KI\u00ab, die sowohl darauf abzielen, gro\u00dfe linke Teile der deutschen USPD mit der vergleichsweise kleinen KPD zusammenzuf\u00fchren als auch \u00bbzentralistische\u00ab Tendenzen von f\u00fchrenden USPDlern auszuschlie\u00dfen. Nun entbrennt in der USPD und auch in ihrer Nowaweser Parteiorganisation ein heftiger Richtungsstreit \u00fcber den weiteren Weg der Partei, insbesondere ihres Verh\u00e4ltnisses zur 3. (kommunistischen) Internationale. Genossen, die in der Revolution und auch in den Tagen des Kapp Putsches gemeinsam gegen die Reaktion und f\u00fcr eine neue sozialistische Gesellschaft gestritten hatten, finden sich nun auf verschiedenen Seiten der Auseinandersetzung wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Abstimmung soll die Entscheidung bringen. Anf\u00fchrer der \u00bbMoskauer\u00ab in Nowawes ist der Schuhmacher Gustav Mauritz, der \u00bbGegner\u00ab Paul Neumanns. Die Urwahl am 4. Oktober 1920 endet in Nowawes mit einer knappen Niederlage f\u00fcr Paul Neumann und Genossen: Von 624 (!) Abstimmungsteilnehmern votieren 353 f\u00fcr die \u00bbMoskauer\u00ab und 271 dagegen. Der Riss in der Partei ist un\u00fcbersehbar. Bisherige Kampfgef\u00e4hrten wie Emil Treptow oder Otto Thiele folgen Neumann nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Parteitag der USPD in Halle entscheidet sich bekanntlich mit 237 zu 156 Stimmen f\u00fcr den Anschluss an die Kommunistische Internationale. Paul Neumann bleibt in Nowawes in der (Rest-) USPD, andere schlie\u00dfen sich der VKPD an, viele jedoch ziehen sich resigniert aus den Arbeiterparteien und Gewerkschaften zur\u00fcck. Von den 14 Gemeindevertretern gehen zwei zur VKPD, der gr\u00f6\u00dfte Teil bleibt aber in der USPD. Dennoch ist die Hegemonie der Partei in Nowawes ersch\u00fcttert. Zerrieben zwischen den Regierungssozialdemokraten und den Kommunisten, die nunmehr durch die Vereinigung mit der USPD-Linken erstmals zu einer Massenpartei werden, gingen die Mehrzahl der verbliebenen USPDler nach dem \u00bbVereinigungsparteitag\u00ab am 24. September 1922 in N\u00fcrnberg in die SPD zur\u00fcck. Bedeutende \u00bbUnabh\u00e4ngige\u00ab wie die Gewerkschafter Karl Gruhl jun., Paul Wolter, Albert Rose und Max Schr\u00f6der und der Lehrer Bruno La Grange bestimmen in den n\u00e4chsten Jahren die sozialdemokratische Gemeindepolitik in Nowawes entscheidend mit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Paul Neumann bleibt nach der Entscheidung von Halle weiterhin seiner Partei treu. Zur Kreiswahl in Teltow am 20. Februar 1921 f\u00fchrt er noch einmal die USPD-Liste und wird wieder Kreistagsabgeordneter. Es wird sein letztes Wahlamt sein, was er erringt. Mit der Wahl von Walter Rosenthal im Jahre 1921 zum neuen Gemeindevorsteher tritt Paul Neumann in die zweite Reihe des Gemeindevorstandes, bleibt aber weiterhin gew\u00e4hlter Sch\u00f6ffe. Dennoch wird es still um ihn. Am 4. Juli 1923 stirbt Paul Neumann in seinem Haus in der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe. Im heutigen Babelsberg ist die Erinnerung an ihn lebendig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Laufende Jahrg\u00e4nge des Vorw\u00e4rts, der Freiheit, der M\u00e4rkischen Volksstimme.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sonderausgabe des Potsdamer Volksblattes in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 2, Karl Dietz, Berlin 1958.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"751\" height=\"853\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/paul-neumann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3252\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/paul-neumann.jpg 751w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/paul-neumann-264x300.jpg 264w\" sizes=\"auto, (max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Neumann &#8211; Ein Kampf f\u00fcr Gleichheit, Freiheit und Sozialismus. von: Uwe Klett und Frank Reich (Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes e.V.) in: Sozialdemokratie in Brandenburg (1868\u20131933): Lebenswege zwischen Aufbruch, Aufstieg und Abgrund; von Willi Carl (Herausgeber), Martin Gorholt (Herausgeber), Sabine Hering (Herausgeber); Dietz, J.H.W., Nachf., 2021 Ein unbehauener Findling auf dem Babelsberger (Nowaweser) Goethefriedhof, vielleicht gar &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3251\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201ePaul Neumann &#8211; Ein Kampf f\u00fcr Gleichheit, Freiheit und Sozialismus.\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3251","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3251"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3255,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3251\/revisions\/3255"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}