{"id":3262,"date":"2023-09-20T09:12:14","date_gmt":"2023-09-20T07:12:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3262"},"modified":"2023-09-20T09:13:34","modified_gmt":"2023-09-20T07:13:34","slug":"martha-ludwig-und-das-maedchen-kruemel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3262","title":{"rendered":"Martha Ludwig und das M\u00e4dchen Kr\u00fcmel"},"content":{"rendered":"\n<p>Das erste Mal in der fast 300-j\u00e4hrigen Geschichte des alten Nowawes (heute Babelsberg), erhalten \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze oder Stra\u00dfen Namen von politisch engagierten Frauen der lokalen Arbeiter:innenbewegung. Auf Vorschlag der Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes e.V., des Autonomen Frauenzentrums, der Arbeiterwohlfahrt und der Volkssolidarit\u00e4t wird die erste von 7 Frauen, die die Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam in ihren \u201eBenennungspool\u201c aufgenommen hat, eine W\u00fcrdigung durch die Enth\u00fcllung eines Namensschildes anl\u00e4sslich ihres 115. Geburtstages am&nbsp; 19.09.2023 auf dem <strong>Martha-Ludwig-Platz<\/strong> (Rudolf-Breitscheid-\/Ecke Glasmeisterstra\u00dfe) erhalten. Wir als B\u00fcndnis der Initiator:innen hoffen, dass die weiteren Frauen, wie<\/p>\n\n\n\n<p>Olga Bathe,<\/p>\n\n\n\n<p>Gertrud Henkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Kamin,<\/p>\n\n\n\n<p>Wally Lehnert,<\/p>\n\n\n\n<p>Anna M\u00fcller,<\/p>\n\n\n\n<p>und Friedel Springer<\/p>\n\n\n\n<p>bald folgen werden, zumal wir der Landeshauptstadt schon konkrete Orte der W\u00fcrdigung im Ortsteil Babelsberg vorgeschlagen haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das M\u00e4dchen Kr\u00fcmel \u2013 eine Kindheit im Roten Nowawes der 20er Jahre<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Martha Ludwig 1970 im Verlag Neues Leben Berlin das kleine Kinderbuch \u201eDas M\u00e4dchen Kr\u00fcmel\u201c mit Illustrationen von Karl Fischer (1921 \u2013 2018) herausbrachte, galt sie als unbeschriebenes Blatt \u2013 als eine Art Laienschriftstellerin. Erste Schreib\u00fcbungen konnte sie als Volkskorrespondentin der M\u00e4rkischen Volksstimme machen, bevor sie als Mitglied im \u201eZirkel Schreibender Arbeiter\u201c jenen Mut fasste, einen Teil ihrer Kindheit in Worte zu fassen. Kindheitserinnerungen, die zwar typisch f\u00fcr das Proletenelend so mancher Familie in den Industriest\u00e4dten Deutschlands der 20er Jahre waren, aber doch zu unspektakul\u00e4r schienen, um als Kinderbuch aufgeschrieben zu werden. Aber gerade die Lebendigkeit und die starken autobiographischen Z\u00fcge der Erz\u00e4hlung \u2013 so manche politische \u00dcberformung der DDR-Geschichtsschreibung nicht \u00fcbersehend \u2013 macht das Kinderbuch zu einem einmaligen Zeitzeugnis einer Kindheit im Roten Nowawes der 20er Jahre, eine Milieustudie mit Seltenheitswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Martha selbst wird am 19.09.1908 in der Nowaweser Wilhelmstr. (Alt Nowawes) 26 als Kind des Bauarbeiters Hermann Deinert und seiner Frau Martha Schr\u00f6der in einer vielk\u00f6pfigen Arbeiterfamilie geboren. Vater Hermann, aus dem Neum\u00e4rkischen Topper (Topor\u00f3w) stammend, verschlug es auf seiner Wanderschaft ins Westhavelland, wo er seine erste Frau Auguste Schr\u00f6der, die als Magd arbeitete, kennenlernte. Otto, dass erste Kind der Deinerts, der sp\u00e4ter als Marthas \u201egro\u00dfer Bruder\u201c, den sie immer bewundern wird und dem sie auch im besagten Kinderbuch ein kleines Denkmal setzt, kommt 1901 noch auf dem Dorfe, in Paaren, zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Magd- und Knecht-Dasein bei einem Gutsherrn von Bredow entfliehend, f\u00fchrt es die Deinters nach Nowawes. Aber auch dieser Sprung des jungen Paares in ein neues Leben in einer \u201eGro\u00dfstadt\u201c ist nicht auf Rosen gebettet. Hermann als Gelegenheitsbauarbeiter \u2013 immer wieder konfrontiert mit Zeiten der Arbeitslosigkeit \u2013 kann sich die kinderreiche Familie mehr schlecht als recht \u00fcber Wasser halten. Auch wird ihre erste Nowaweser Heimstatt im \u00e4rmsten Teil der damaligen Gemeinde, in der Luisenstr. (Wollestr.) 53 sein. Die schnell wachsende Familie \u2013 1904 wird das erste Nowaweser Kind der Familie geboren \u2013 gebietet auch immer einen erneuten Umzug, wohl wissend, dass das Geld kaum f\u00fcr eine bessere Wohnung reicht. So bleiben die Deinerts lebenslang dem alten, einfachen Wohnungsmilieu verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<p>1906 ereilt die junge Familie ein Schicksalsschlag. Mutter Auguste stirbt im Alter von gerade einmal 32 Jahren. Ihre Schwester Martha, die bei den Deinerts schon im Haushalt lebt, wird an die Stelle von Auguste treten und Hermann 1907 heiraten. Mit ihr wird Hermann auch noch eine Reihe weiterer Kinder haben, wie \u201eunsere\u201c Martha. Vater Hermann geh\u00f6rt wie viele der damals gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu den \u201eRenitenten\u201c im Roten Nowawes. Als Sozialdemokrat alter Bebelscher Pr\u00e4gung macht er die Burgfriedenspolitik seiner Partei im Ersten Weltkrieg nicht mit und schlie\u00dft sich den Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten (USPD) unter F\u00fchrung von Paul Neumann (1865 &#8211; 1923) an. Nach der Entscheidung der (linken) Mehrheit der USPD auf ihrem Hallenser Parteitag 1920 zur Vereinigung mit der kleineren KPD wird er deren Mitglied. Und als h\u00e4tte die Familie durch Arbeitslosigkeit, Inflation und politisches Bekenntnis nicht schon gen\u00fcgend B\u00fcrden zu tragen, st\u00fcrzt sich Hermann in der ersten H\u00e4lfte der 20er Jahre als kommunistischer Gemeindevertreter auch noch in die Nowaweser Kommunalpolitik, wohl wissend, dass seine Partei mit dem \u201eGemeindeparlamentarismus\u201c nicht viel anfangen kann oder will. Nach der Stadtwerdung von Nowawes und der relativen Stabilisierung des politischen Systems l\u00e4sst die St\u00e4rke der KPD auch in Nowawes nach und die \u00f6rtliche SPD wird zur pr\u00e4genden Kraft fortschrittlicher Kommunalpolitik. Hermann wird nicht ins Rathaus einziehen, bleibt aber als Elternvertreter in der Schule seiner Kinder aktiv. Und seine Ehefrau? Sie muss die wenigen Arbeitsgroschen, die ihr Mann nach Hause bringt, immer wieder umdrehen, um die gro\u00dfe Kinderschar tagt\u00e4glich durchzubringen. In diesem Milieu \u2013 nun in der Karl-Gruhl-Str. 12 &#8211; wird \u201eKr\u00fcmel\u201c, die Tochter Martha, gro\u00df. Zwischen dem sich K\u00fcmmern um die kleineren Geschwister, um die Mutter zu entlasten, und dem Drang, dem \u00e4lteren Bruder Otto nachzueifern, w\u00e4chst sie auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Um ein wenig die famili\u00e4re Not zu lindern, m\u00fcssen die Gro\u00dfen ran. Otto als B\u00e4ckergehilfe und Kr\u00fcmel selbst als Babysitter bei dem sehr liberal eingestellten Studienrat Dr. Stegemann, einem Vertreter der \u00f6rtlichen Demokratischen Partei, die einst Walter Rathenau mitgegr\u00fcndet hat. Dieses Erleben gutb\u00fcrgerliche Lebensformen \u2013 trotz aller Fairness und Zugewandtheit der Stegemanns \u2013 im Gegensatz zur materiellen Armut der eigenen Eltern weckt in dem M\u00e4dchen schon bald ein Gerechtigkeitsgef\u00fchl, das ihr Leben zeichnen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der gro\u00dfe Bruder Otto noch in Kaisers Zeiten den Segen der Konfirmation erhalten wird, haben sich die Zeiten f\u00fcr die Deinerts nach dem Ersten Weltkrieg ver\u00e4ndert. Schon zu Beginn der 20er Jahre veranstalten das Gewerkschaftskartell, die Freidenker und die Arbeiterparteien f\u00fcr die nicht mehr religi\u00f6s gebundenen Kinder zum Schulabschluss eine Jugendweihe. Martha wird dieses Fest 1922 auch erleben. Doch die schmale Haushaltskasse l\u00e4sst keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge zu. Und dennoch will Kr\u00fcmel festlich gekleidet sein \u2013 wie viele ihrer Schulfreundinnen, die in die Kirche gehen. Nur mit M\u00fche gelingt es den Deinerts Geld aufzubringen. Im Gesch\u00e4ft von Julius Abraham in der Wilhelmstra\u00dfe ersteht Mutter einen Kleiderstoff, um die 14-j\u00e4hrige Martha ein wenig gl\u00fccklich zu machen. Bei den Abrahams wird sie von deren Sohn Fritz bedient, der sp\u00e4ter \u2013 weil er Jude ist &#8211; mittellos 1939 dem braunen Terror nach Gro\u00dfbritannien entfliehen muss. Ein Stolperstein erinnert heute in Babelsberg auch an Fritz, nicht weit von Marthas Geburtshaus entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die d\u00f6rfliche Verwandtschaft aus der Neumark, die noch sehr in der Tradition der Kirche lebt, wird die \u201egottlose\u201c Familienfeier der Deinerts anl\u00e4sslich von Marthas Jugendweihe mehr als gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig gewesen sein. Nach dem Fest beginnt aber ein neuer \u2013 ein schwerer Alltag f\u00fcr Kr\u00fcmel. Erst 14 Jahre alt muss sie wie viele ihrer Alltagsgenoss*innen in Stellung oder gar in die Fabrik. Ihr Weg wird sie in die Konfektionsfabrik von Adolf Pitsch f\u00fchren \u2013 eine gro\u00dfe Fabrik in der N\u00e4he des heutigen Martha-Ludwig-Platzes. Ein Bleiben wird dort jedoch nicht lange sein, obwohl die Familie jeden Groschen braucht. Als der Vorarbeiter gegen\u00fcber den jungen Frauen \u00fcbergriffig wird, wehrt sich Kr\u00fcmel und wird gema\u00dfregelt. Selbst f\u00fcr altgediente Gewerkschafter scheint ein solcher Umgang \u00fcblich und tolerabel. Nicht so f\u00fcr Martha!<\/p>\n\n\n\n<p>Die wenige Freizeit, die ihr bleibt, verbringt sie zunehmend im Dunstkreis ihres gro\u00dfen Bruders, der mit seinesgleichen im Kommunistischen Jugendverband organisiert ist. Als eine der J\u00fcngsten im Bunde wird sie erst recht als \u201eKr\u00fcmel\u201c behandelt, und dennoch zieht sie es immer wieder zu den jungen Leuten, die sich zwar politisch die K\u00f6pfe hei\u00df reden, die aber auch vieles gemeinsam unternehmen, um dem grauen Arbeitsalltag oder der Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Sie ist sie auch mittenmang, als sich die Jungkommunisten entschlie\u00dfen, getragen von einem Sendungsbewusstsein und einer geh\u00f6rigen Portion jugendlicher Naivit\u00e4t im Rahmen einer Landagitation die Landarbeiter auf den G\u00fctern des Petzower Gutsbesitzers von K\u00e4hne von einem \u201eroten Paradies auf Erden\u201c zu \u00fcberzeugen. Das Ansinnen misslingt \u2013 Gutsbesitzer und \u00f6rtliche Polizei stehen gemeinsam gegen die da aus dem Roten Nowawes. Aber gerade diese Erfahrungen pr\u00e4gen das Weltbild von Kr\u00fcmel, und so ganz nebenbei kommen sich die Jugendlichen auch privat n\u00e4her. Martha verliebt sich in den gleichaltrigen Maurer Franz Koch, der als geb\u00fcrtiger Berliner bei seinem Vater, der ein Friseurgesch\u00e4ft in der Friedrichstr. (Garnstr.) 1 betreibt, lebt. 1929 heiraten beide auf dem Standesamt in Nowawes. Ein Jahr sp\u00e4ter wird ihr Sohn Heinz geboren. Platz f\u00fcr das junge Paar ist bei den Deinerts in der Karl-Gruhl-Str. 12 jedoch nicht, so dass sie erst einmal in der Luisenstr. (Wollestr.) 37 unterkommen, T\u00fcr an T\u00fcr mit dem politischen Freund der Familie, dem kommunistischen, sp\u00e4ter sozialdemokratischen Stadtverordneten Otto Machate (1890 &#8211; 1960). Als Anfang der 30er Jahre die Konsumgenossenschaft in der Priesterstr. 5 (Karl-Liebknecht-Str. 10) ein neues Gesch\u00e4ftshaus mit Wohnungen errichtet, hat die 3-k\u00f6pfige Familie Koch auch die M\u00f6glichkeit, ihre Wohnsituation ein wenig zu verbessern. Doch die Zeiten verdunkeln sich. 1932 wird ihr Bruder Otto bei der Polizei denunziert, da er mit anderen Genossen Waffen f\u00fcr den illegalen Rotfrontk\u00e4mpferbund besorgt und ausprobiert hat. Zwar bewahrt die anschlie\u00dfende Haft ihn vor den direkten Angriffen der Nazis 1933, doch seine junge Familie wird nicht mehr in Potsdam und Nowawes bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Martha-und-Heinz-1024x576.jpg\" alt=\"Martha Ludwig und ihr Sohn Heinz\" class=\"wp-image-3264\" title=\"Martha Ludwig und ihr Sohn Heinz\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Martha-und-Heinz-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Martha-und-Heinz-300x169.jpg 300w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Martha-und-Heinz-768x432.jpg 768w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Martha-und-Heinz-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Martha-und-Heinz-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Martha Ludwig und ihr Sohn Heinz<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als 1933 die Nazis im B\u00fcndnis mit den Deutschnationalen auch in Nowawes die Macht \u00fcbernehmen, Kommunisten und sp\u00e4ter auch Sozialdemokraten verfolgen, wird auch Marthas Mann Franz von der \u201ewilden SA\u201c, unterst\u00fctzt vom Charlottenburger Maikowski-Sturm, als stadtbekannter Jungkommunist ergriffen und zusammengeschlagen. Martha wird ihren blut\u00fcberstr\u00f6mten Mann aus dem SA-Keller in der Havelstra\u00dfe abholen \u201ed\u00fcrfen\u201c. An offenen Widerstand ist so nicht mehr zu denken. Auch wird es Martha und Franz schwerfallen, ihren Sohn Heinz statt in die 1933 von den Nazis aufgel\u00f6sten Weltliche Schule nunmehr in die gleichgeschaltete Schule in der Priesterstra\u00dfe (heute Bruno-H.-B\u00fcrgel-Schule) zu schicken. Schlimmer noch: wie so viele jungen M\u00e4nner aus Nowawes\/Babelsberg, die aus dem sozialdemokratischen und kommunistischen Milieu stammen, wird auch Franz zur Wehrmacht eingezogen und aus dem m\u00f6rderischen Krieg nicht zur\u00fcckkommen. Im M\u00e4rz 1945 bleibt Martha mit 37 Jahren mit dem 15-j\u00e4hrigen Heinz alleine zur\u00fcck. Bis zum Zusammenbruch Deutschlands wird Martha arbeitsverpflichtet und macht Verwaltungsarbeiten im Babelsberger Standesamt. Dabei erf\u00e4hrt sie auch hautnah das Schicksal von jungen Zwangsarbeiterinnen in den Babelsberger R\u00fcstungsbetrieben. In ihrer kleinen Erz\u00e4hlung \u201ePjotr darf leben\u201c (Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1959) berichtete sie, wie sie hinter dem R\u00fccken ihres braunen Dienstvorgesetzten, einer Zwangsarbeiterin f\u00fcr ihr Neugeborenes eine Geburtsurkunde ausstellte, damit diese der Gefahr entging, dass ihr das Kind weggenommen werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Jahr 1945, das Jahr der Befreiung, wie es zumindest die Deinerts herbeigesehnt haben, trifft Martha jedoch mit aller tragischen Wucht. Nicht nur ihr Mann kehrt nicht wieder aus dem Krieg zur\u00fcck, sondern auch ihr Vater Hermann, der Alt-Kommunist, verliert sein Leben am Tag der eigentlich weitgehend kampflosen \u00dcbergabe Babelsbergs an die Rote Armee. Trotz der Warnungen seiner Frau geht er vom Haus in der Karl-Gruhl-Stra\u00dfe hinauf zu seinem Garten in der Kleingartenkolonie \u201eFreie Scholle\u201c, um seine Tiere zu f\u00fcttern. Zwar ist der Gesch\u00fctzdonner zu h\u00f6ren und dr\u00fcben in Potsdam wird tagelang noch heftig gek\u00e4mpft, aber Hermann f\u00fchlt sich auf der sicheren Seite. Doch auf der Insel Wannsee, in Klein Glienicke und im n\u00f6rdlichen Teil des Parks Babelsberg stehen noch Wehrmachtseinheiten, die noch 5 Minuten nach 12 die Waffen nicht strecken wollen. Augenzeugen berichten, wie Hermann, dem Befehl sowjetischer Soldaten \u2013 seiner Befreier \u2013 folgend, einen LKW besteigt und mit seiner Ortskenntnis den Weg hoch zum Babelsberg weist. Wo noch geschossen wird. Er wird an diesem Tage nicht mehr zur\u00fcckkehren&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Martha und ihrem Sohn Heinz wird ein Neuanfang nach Jahren der braunen Herrschaft nicht einfach. Dennoch f\u00fchlt Sie sich \u2013 wie nur wenige in dieser Zeit \u2013 als Sieger der Geschichte, wenn auch der Verlust von Mann und Vater kaum zu ertragen ist. Doch irgendwie muss es weiter gehen und die Deinerts sind in Babelsberg wohlbekannt und unter den neuen Machtverh\u00e4ltnissen ganz anders geachtet. Man braucht f\u00fcr den neuen, antifaschistischen Aufbau jede Hand. Viele H\u00e4nde, auf die sich die neuen Besatzer verlassen k\u00f6nnen, sind nicht verf\u00fcgbar nach Jahren der Nazi-Herrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Radikal beginnt man noch im Mai 1945 Schulen, Polizei, Justiz und Verwaltung von kleinen und gro\u00dfen NSDAP-Mitgliedern zu s\u00e4ubern. Bis fast nur noch Leere bleibt. Neulehrer werden gesucht, aber auch Justizangestellte f\u00fcr ein neues Deutschland. Martha, ausgestattet mit Verwaltungserfahrung, entscheidet sich f\u00fcr das Wagnis, Volksrichterin zu werden, ohne jemals vorher ein Gericht betreten zu haben. In einer Art \u201eSchnellbesohlung\u201c nimmt sie an einem Lehrgang der gerade erst eingerichteten Richterschule im Schloss Babelsberg teil und tritt nach erfolgreicher Absolvierung in den Potsdamer Justizdienst ein. Ihre Mitgliedschaft in der wieder zugelassenen KPD und dann in der SED ist aufgrund ihrer Biographie f\u00fcr sie geradezu zwangsl\u00e4ufig.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ihre Wohnbedingungen werden sich weiter verbessern. Am 21.4. 1947 wird sie Mitglied der Wohnungsbaugenossenschaft GEWOBA, die in DDR-Zeiten auch einmal den Namen des alten Kampfgef\u00e4hrten ihres Vaters \u201ePaul Neumann\u201c tragen wird, und zieht in den Blumenweg 32, sp\u00e4ter in eine Genossenschaftswohnung in der Althoffstr. 2 ein. 1956 heiratet Martha dann den Berliner Elektroingenieur Karl Ludwig und zieht das erste Mal in ihrem Leben aus dem Dunstkreis des alten Nowawes weg \u2013 hoch an die H\u00e4nge des Babelsbergs in ein ehemaliges Gagfahhaus in der Filchnerstr. 56. Sohn Heinz wird Berliner und arbeitet als Chemielaborant an der Humboldt Universit\u00e4t. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes verlebt sie ihre letzten Jahre, umsorgt von Verwandten, in einer Neubauwohnung am Stern. Zeitgenossen beschreiben Martha als eine bescheidene, aber auch lebenslustige Frau, die noch im hohen Alter gerne auf Reisen ging. Die neu gewonnen Reisefreiheit wird sie aber nicht dar\u00fcber hinwegtr\u00f6sten, dass der Versuch, einer neuen gerechteren Gesellschaft in dem kleineren Teil Deutschlands, an der auch sie und viele Mitglieder der Deinert-Familie mitgewirkt haben, gescheitert ist. Am 24.7.1992 vollendet sich das Leben des \u201eM\u00e4dchen Kr\u00fcmel aus dem Roten Nowawes\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das erste Mal in der fast 300-j\u00e4hrigen Geschichte des alten Nowawes (heute Babelsberg), erhalten \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze oder Stra\u00dfen Namen von politisch engagierten Frauen der lokalen Arbeiter:innenbewegung. Auf Vorschlag der Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes e.V., des Autonomen Frauenzentrums, der Arbeiterwohlfahrt und der Volkssolidarit\u00e4t wird die erste von 7 Frauen, die die Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam in ihren &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3262\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMartha Ludwig und das M\u00e4dchen Kr\u00fcmel\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3262","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3262"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3269,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3262\/revisions\/3269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}