{"id":3380,"date":"2024-01-30T14:10:13","date_gmt":"2024-01-30T12:10:13","guid":{"rendered":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3380"},"modified":"2024-01-30T14:10:14","modified_gmt":"2024-01-30T12:10:14","slug":"die-fahne-des-rfb-potsdam-woher-sie-kam-was-aus-ihr-wurde","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3380","title":{"rendered":"Die Fahne des RFB Potsdam \u2013 woher sie kam \u2013 was aus ihr wurde"},"content":{"rendered":"\n<p>Da waren sie nun sichtbar, die verblichenen Zeichen aus einer spannungsgeladenen Zeit der K\u00e4mpfe in der Weimarer Republik. In der Sonderausstellung des Potsdam Museums \u201cUmk\u00e4mpfte Wege der Moderne \u2013 Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914 \u2013 1945\u201c, 2019 hervorragend kuratiert von Dr. Wenke Nitz, waren neben dem Banner des Ortsvereins der Sozialdemokratischen Partei (SPD) von Nowawes, der kupferne Stern vom von Nazis gesch\u00e4ndeten Grab des ermordeten Jungkommunisten Herbert Ritter (1914 &#8211; 1931) und eben auch das Banner der Ortsgruppe Potsdam des Roten Frontk\u00e4mpferbundes (RFB) ausgestellt. So mancher Besucher wird sich im Stillen die Frage gestellt haben, wie diese Symbole des proletarischen, k\u00e4mpferischen Selbstbewusstseins die braunen Jahre der faschistischen Diktatur in Nowawes (Babelsberg) und in Potsdam \u00fcberleben konnten. Das SPD-Banner wurde unter gro\u00dfer Gefahr vom Sozialdemokraten Wilhelm Schulze in seinem Haus im Blumenweg vor den H\u00e4schern versteckt. Der kupferne Stern, einstmals vom Klempner Karl Meichner aus der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe gefertigt f\u00fcr Ritters Grab, dessen&nbsp; Grabstein der sp\u00e4ter von den Nazis im KZ Oranienburg ermordete Kommunist Walter Klausch (1907 &#8211; 1933) entwarf, wurde vom sozialdemokratischen Friedhofsarbeiter Otto Oerlecke ( 1892 \u2013 1942) und seiner Frau Alma (1892 \u2013 1969) nach der Grabsch\u00e4ndung sichergestellt und versteckt \u2013 bis nach der Befreiung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Fahne des RFB Potsdam? Bekanntlich wurde der RFB nach den blutigen Maiunruhen 1929 reichsweit verboten. Und wieso die RFB-Fahne aus Potsdam \u2013 und nicht ein Banner des RFB Nowawes, der weit st\u00e4rker organisiert war als die proletarische Diaspora im alten Potsdam? Und warum versuchten wir als Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes die Frage zu stellen, wie dieses Potsdamer Banner die Zeiten \u00fcberleben konnte? Weil es ohne \u2013 vor allem Arbeiterfrauen aus Nowawes \u2013 dieses Banner nie gegeben h\u00e4tte und auch heute nicht im Fundus des Potsdam Museums aufbewahrt werden k\u00f6nnte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Einer mutigen Nowaweser Frau, n\u00e4mlich Wally Lehnert, verdanken wir dies Rettungsaktion. Aber alles fing schon viele Jahre fr\u00fcher an. Im Nachgang zu den blutige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und kommunistischen Demonstranten\u00a0 die gegen einen \u201eDeutschen Tag\u201c nationaler Verb\u00e4nde am 11. Mai 1924 in Halle protestierten, entschied die Kommunistische Partei (KPD) erste Ortsgruppen eines im Umfeld der KPD agierenden eigenen Wehrverbandes zu gr\u00fcnden. Im Laufe des Jahres wurde folglich auch in Nowawes eine Ortsgruppe des RFB gegr\u00fcndet. In Potsdam rekrutierte sich eine Ortsgruppe insbesondere aus Arbeitern des Reichsbahnausbesserungswerkes, des einzigen gro\u00dfen Industriebetriebs im alten Potsdam, gelegen entlang der Alten K\u00f6nigstra\u00dfe (heute Teil der Friedrich-Engels- Stra\u00dfe), ganz in Sichtweite der Nowaweser Textilfabriken. Eine Tuchf\u00fchlung, mehr noch eine entscheidende logistische Unterst\u00fctzung der Nowaweser RFBler f\u00fcr ihre Potsdamer Kameraden kann angenommen werden, zumal bei Aufm\u00e4rschen im erzkonservativen, von Stahlhelm- und sp\u00e4teren SA-Aufm\u00e4rschen gepr\u00e4gten Potsdam ohne die personelle Unterst\u00fctzung Nowaweser und Berliner RFBler die kleine Potsdamer Gruppe\u00a0 kaum eine Chance gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"461\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm1-1024x461.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3381\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm1-1024x461.jpg 1024w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm1-300x135.jpg 300w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm1-768x346.jpg 768w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm1-1536x691.jpg 1536w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm1-2048x922.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Und doch gab es kleine Unterschiede zwischen beiden Ortsformationen, die sich letztendlich auch bei der Herstellung ihres jeweiligen Banners zeigten. Die Anfangsjahre des RFB Nowawes schreibt einaml der sp\u00e4teren Nowaweser RFB-Funktion\u00e4rs Kurt Laube als von \u201elinksradikalen\u201c Elementen dominiert. Dies ist sicherlich auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass im industriell gepr\u00e4gten Nowawes nach Jahren der Inflation und Arbeitslosigkeit und einer sich stark behauptenden USPD und sp\u00e4ter eher linken SPD politische Akteure links dieser Partei eher unter dem Einfluss r\u00e4tekommunistischer Ansichten (Kommunistischen Arbeiterpartei \u2013 KAPD) standen. Der Einfluss der Berliner KPD-Zentrale (noch) bei den jungen RFBler war eher gering. In Potsdam scheint es teilweise ein anderes Milieu gegeben zu haben. Aber auch hier schweigen die Quellen weitestgehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarete Buber-Neumann (1901-1981), einstmals verheiratet mit dem Sohn des deutsch-j\u00fcdischem Philosophen Martin Buber, und sp\u00e4ter mit dem f\u00fchrenden KPD-Funktion\u00e4r Heinz Neumann, der 1937 Opfer des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion wurde, berichtet in ihren Lebenserinnerungen \u201eVon Potsdam nach Moskau und zur\u00fcck\u201c davon, dass neben dem Potsdamer RAW-Schlosser und KPD-Vorsitzenden Albert Heese (1881 \u2013 1959) auch ein gewisser Ewald Fritsch, seines Zeichens Leiter des RFB Potsdam, 1926 bei ihrem Eintritt in die KPD ihr B\u00fcrge&nbsp; war. W\u00e4hrend Heese den Krieg \u00fcberlebte und auch in der DDR als aufrechter Antifaschist gew\u00fcrdigt wurde, schien der Name von Fritsch v\u00f6llig in Vergessenheit geraten zu sein. Erst im Rahmen der Nachforschungen zu den Biographien von politisch aktiven Arbeiterfrauen aus Nowawes stie\u00df die Geschichtswerkstatt im Landeshauptarchiv auf Lebenserinnerungen der Kommunistin Wally Lehnert, die Ewald Fritsch und seine Rolle bei der Sicherung der Potsdamer RFB-Fahne beschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Ewald Fritsch kam im Vergleich zu seinen Potsdamer und Nowaweser RFB-Kameraden aus einem eher untypischen Milieu. Am 3.Januar 1903 wurde er als Sohn des Milit\u00e4rgerichtsmitarbeiters Matthias Fritsch, der aus Fortschwihr im Elsass stammte und als sehr kaisertreu gelten kann, und der Potsdamerin Elsbeth Rieboldt in Mainz geboren. Sein Bruder Konrad folgte ein Jahr sp\u00e4ter. Die Tatsache, dass sein Vater Els\u00e4sser war, erleichterte Ewald sp\u00e4ter die Flucht aus Nazi-Deutschland nach Frankreich. Nachdem die Eltern 1901 noch in Potsdam geheiratet hatten, folgte das junge Paar dem dienstlichen Ruf nach Mainz. Nach Beginn des 1. Weltkrieges arbeitet der Vater weiterhin beim Milit\u00e4rgericht und verstarb 1915 mit gerade mal 49 Jahre in einem Lazarett in Stra\u00dfburg. Die 37-j\u00e4hrige \u201eOberkriegsgerichtssekret\u00e4rswitwe\u201c zog mit ihren 12- und 11-j\u00e4hrigen Jungs wieder nach Potsdam zur\u00fcck, nunmehr in ein sehr b\u00fcrgerliches Mietshaus in die Teltow Stra\u00dfe 8 (heute Schlaatzstra\u00dfe. Ein Haus weiter, in der Nr. 9 wohnte die Familie des Geheimen Kanzleisekret\u00e4rs Friedrich Huchel, mit dessen gleichaltrigem Sohn Peter (1903 \u2013 1981) sich Ewald schnell anfreundete. Beide hatten auch einen gemeinsamen Schulweg \u2013 hin zur Oberrealschule Am Kanal 66, r\u00fcber \u00fcber die Havel ins alte Potsdam. Ob es die t\u00e4gliche Begegnung mit den zum RAW str\u00f6menden Proleten war, die ihn sensibel werden lie\u00df f\u00fcr die \u00e4rmeren Leute in seiner Umgebung?<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Freizeit war er wie sein Freund Peter bei den Wanderv\u00f6geln, also in einer b\u00fcrgerlich-naturverbunden Jugendvereinigung aktiv. Margarete Th\u00fcring, sp\u00e4ter Buber-Neumann, Tochter eines Potsdamer Brauereibesitzers wird er erstmalig auch in der Potsdamer Wanderv\u00f6gelbewegung begegnet sein. Sie wurde schon mit 20 Jahren Mitglied im Kommunistischen Jugendverband (KJVD). Ihre 3 Jahre \u00e4ltere Schwester Babette Th\u00fcring, sp\u00e4ter Gross (1898 \u2013 1990), hatte schon 1920 den Weg in die KPD gefunden und wurde sp\u00e4ter Lebenspartnerin von Willi M\u00fcnzenberg. Es scheint das radikale Aufbegehren der Nachkriegsjugend gegen Elternhaus und \u2013 aus Sicht vieler Linker \u2013 der Verrat an der Revolution 1918\/19 gewesen zu sein, der junge Potsdamer hin zu den Kommunisten trieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter wird Peter Huchel Ewald mal als \u201eBohemien und Nachbarn\u201c bezeichnen. 1926, mit 23 Jahren, arbeitete Huchel beim Gustav Kiepenheuer Verlag in Potsdam, Viktoriastra\u00dfe 59 (heute Geschwister-Scholl-Stra\u00dfe). Im gleichen Jahr legte Margarete Buber-Neumann Zeugnis davon ab, dass Ewald der RFB-F\u00fchrer von Potsdam ist und auch Mitglied der KPD. Diese Entwicklung scheint sehr im Kontrast zum Familienhaus und auch zum sozialen Milieu seines Wohnumfeldes zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als junger Kommunist aus b\u00fcrgerlichem Hause ging er dann in seiner Partei auch ungew\u00f6hnliche Wege: Zwar f\u00fchrte er mit gerade mal 23 Jahren die Ortsgruppe Potsdam des RFB an, musste jedoch auch unkonventionelle Einf\u00e4lle haben, um dem RFB in der preu\u00dfischsten Stadt Preu\u00dfens Geh\u00f6r und Gesicht zu verschaffen &#8211; und das angesichts klammer Kassen des \u00f6rtlichen RFBs und der KPD.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon seit der Kaiserzeit in allen Arbeiterorganisationen \u00fcblich, schm\u00fcckte man sich in der \u00d6ffentlichkeit nicht nur mit Transparenten, sondern auch mit Bannern und Fahnen. Fahnenweihen und deren Jahrestage wurden immer wieder zum Kristallisationspunkt historischen Gedenkens und Mutmacher f\u00fcr eine andere, bessere Zukunft. Auch die Nazis sollten sp\u00e4ter diese Arbeitertradition f\u00fcr ihre Zwecke vereinnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einem Foto vom 1926 kann man entnehmen, dass zu dieser Zeit der weitaus st\u00e4rkere RFB in Nowawes schon eine eigene Fahne besa\u00df. Ein rotes Fahnentuch mit aufgen\u00e4hter Roter Faust und dem Hinweis auf den RFB Nowawes. Zu mehr reichten die Arbeitergroschen in Nowawes auch nicht, zumal sie f\u00fcr die Aufm\u00e4rsche mit Schallmeienmusik ihren Zweck erf\u00fcllte. In Nowawes brauchte man also keine \u201ehochwertigen Symbole\u201c. F\u00fcr den Potsdamer RFB, der ohne die Unterst\u00fctzung der Nowaweser Kameraden es auch auf den Stra\u00dfen schwer hatte, stellte sich die Frage der Fahne ganz anders \u2013 zumindest f\u00fcr den jungen Anf\u00fchrer Ewald. F\u00fcr ihn war es wichtig, den Beweis zu erbringen, dass auch Kommunisten und ihre \u201eVorfeldorganisation\u201c in der Lage waren, linkskulturelle Kreise anzusprechen. Sowohl \u00fcber seine Verlagst\u00e4tigkeit als auch \u00fcber andere Milieus seiner Potsdamer Jugendfreunde unterhielt er als junger Mensch gute Beziehungen in die linke Berliner Kunstszene und gewann den zu dieser Zeit noch der KPD angeh\u00f6renden Maler und Graphiker Rudolf Schlichter (1890 \u2013 1955) eine Postkarte f\u00fcr den RFB zu entwerfen, die dann gegen eine \u201eFahnenspende\u201c verkauft werden sollte. Die Postkarte, von der mehr als 5000 St\u00fcck bei der Potsdamer Lithographischen Kunstanstalt und Buchdruckerei Robert M\u00fcller in der Breiten Str. 23 hergestellt wurden, zeigte das Schloss Sanssouci mit einer das Schloss \u00fcberragenden roten Fahne. Der in der besagten Druckerei arbeitende Litograph und Kommunist Hermann Elflein (1892 \u2013 1943), der sp\u00e4ter von den Nazis im KZ Sachsenhausen ermordet wurde, b\u00fcrgte mit einem Monatsgehalt daf\u00fcr, dass die gedruckten Postkarten auch bezahlt wurden. Die anschlie\u00dfende Verkaufskampagne war ein gro\u00dfer Erfolg. Tuch, Seide und Fahnenstil konnten besorgt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun kommen erstmals die Nowaweser Frauen ins Spiel. Als Textilarbeiterinnen waren sie geradezu pr\u00e4destiniert, den Potsdamer Kameraden zu helfen, zumal viele von ihnen in der Kommunistischen Jugend und im Roten Frauen- und M\u00e4dchenbund organisiert waren. Sie bestickten das seidene Fahnentuch mit dem RFB-Emblem und der Losung \u201eOb sie uns auch zerbrechen \u2013 Sie beugen uns doch nicht\u201c. Die Wahl der Losung fiel auf Worte aus einem Gedicht, das der langj\u00e4hrige linke Sozialdemokrat und Mitbegr\u00fcnder der KPD, Karl Liebknecht, im Herbst 1918 geschrieben hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Unzweifelhaft trug auch der Verkauf der Postkarten in Nowawes zum Erfolg des Projektes bei, zumal die \u201ePotsdamer\u201c RFB-Fahne auch bei Demonstrationen in Nowawes vorangetragen wurde. Und sowohl die Potsdamer \u201eArbeiter-Postkarte\u201c als auch die Potsdamer RFB-Fahne waren angesichts des erzkonservativen Milieus in der ehemaligen Residenz- und Milit\u00e4rstadt viel wirksamer als mit einer \u201eNowaweser\u201c durch Potsdam zu marschieren. Allj\u00e4hrlich nahm die KPD den 1. August, also den Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkrieges zum Anlass, um mit Veranstaltungen und Aufm\u00e4rschen einen \u201eAntikriegstag\u201c zu begehen. So war es auch 1926. Auf dem kleinen Exerzierplatz \u2013 einer Nowawes Enklave auf Potsdamer Stadtgebiet, nicht weit von Ewalds Wohnung entfernt \u2013 versammelten sich viele Kameraden aus Berlin und Nowawes, um zum Bassinplatz im Herzen der Altstadt von Potsdam zu ziehen, wo der zweite Bundesvorsitzende des RFB, Willy Leow (1887 &#8211; 1937), die Fahnenweihe vornahm.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"461\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm2-1024x461.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3382\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm2-1024x461.jpg 1024w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm2-300x135.jpg 300w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm2-768x346.jpg 768w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm2-1536x691.jpg 1536w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/rfb-pdm2-2048x922.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Arbeit beim Verlag brachte Ewald wenig Geld ein. So wagte er es gar unter Pseudonym einen Artikel bei der erzkonservativen \u201ePotsdamer Tageszeitung\u201c unterzubringen. Ganze 10 Mark bekam er daf\u00fcr. Sein politisches Engagement blieb der politischen Polizei nicht verborgen Schon 1926 wurde sein Zimmer in der Teltower Str. 8 nach staatsfeindlichen Schriften durchsucht. Seine Zeit in Potsdam neigte sich langsam dem Ende zu. Da zur selben Zeit Gustav Kiepenheuer wollte, dass Ewald den Buchvertrieb in Bremen aufbaut, verlie\u00df Ewald Potsdam und war seit 1928 wieder in der Hansestadt. Auch sein Bruder Konrad lebte dort schon als Buchh\u00e4ndler. In Bremen lernte Ewald die 9 Jahre \u00e4ltere 34-j\u00e4hrige Witwe Julia Ludewig kennen und heiratete sie am 19. Januar 1928. Dennoch scheint sein politischer Kontakt nach Potsdam (und Nowawes) nicht abgebrochen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Ergebnis des \u201eBerliner Blutmais 1929\u201c, zu dem die KPD trotz des offiziellen Verbotes \u00f6ffentlicher Veranstaltungen unter freiem Himmel durch den sozialdemokratischen Polizeipr\u00e4sidenten zu Demonstrationen aufgerufen hatte und die Berliner Polizei in Wedding und Neuk\u00f6lln mit brachialer Gewalt gegen kommunistisch dominierte Kieze vorgegangen war und dabei mehrheitlich parteilose und Unbeteiligte erschossen hatte, verf\u00fcgte am 3. Mai 1929 der preu\u00dfische Minister des Innern Carl Severing (SPD) das Verbot von RFB, Roter Jungfront und Roter Marine mit Wirkung zum 6. Mai 1929 \u201egem\u00e4\u00df dem Gesetze zum Schutze der Republik, des Gesetzes vom 22. M\u00e4rz 1921 und des Reichsvereinsgesetzes f\u00fcr den Bereich des Freistaates Preu\u00dfen\u201c. Die f\u00fcr die zur Durchsetzung des Verbotes in Potsdam und Nowawes zust\u00e4ndige Potsdamer Polizei handelte unverz\u00fcglich. W\u00e4hrend f\u00fcr die Nowaweser RFBler das Verbot wohl sehr \u00fcberraschend kam \u2013 oder war man sich angesichts seiner Mitgliederst\u00e4rke zu sicher? &#8211; waren die Potsdamer besser vorbereitet. In der Nowaweser M\u00fchlenstra\u00dfe wurde der RFB-Treffpunkt von der Polizei ausgehoben und vorgefundene Agitationsmaterialen und Mitgliedernachweise beschlagnahmt. Die RFB-Ortsgruppe Potsdam hingegen konnte wohl der Polizei eher entgehen, zumindest konnte die RFB-Fahne der Ortsgruppe gerettet werden. Beim Durchsuchen der Wohnung des Potsdamer \u201eRFB-R\u00e4delsf\u00fchrers\u201c Ewald Fritsch \u2013 er hatte trotz seiner Bremer Liason ein Zimmer in Potsdam bei Schayer am Sch\u00fctzenplatz 1 (heute Leipziger Dreieck) &#8211; fand die Polizei nur RFB-Rundschreiben, Beitrittsformulare und Korrespondenzen. Die RFB-Fahne jedoch nicht! Sie scheint schon vorher in Sicherheit gebracht geworden zu ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier kommt wieder eine Nowaweser Genossin ins Spiel. Waren die wenigen RFBler in Potsdam polizeibekannt, so war das gesamte Netzwerk um die KPD herum in Nowawes viel umfangreicher und von der Polizei weniger zu durchschauen. Diese Chance erkennend, schickte Ewald seinen Bruder Konrad r\u00fcber nach Nowawes, um zu dortigen Genossen Kontakt aufzunehmen, mit dem Ziel, die wertvolle Fahne zu verstecken. Die Wahl fiel auf Wally Vogel, sp\u00e4ter Lehnert, Tochter der stadtbekannten kommunistischen Stadtverordneten von Nowawes, Anna M\u00fcller (1883 &#8211; 1972). Die Entscheidung kam nicht von ungef\u00e4hr. Man kannte sich, da Wallys Br\u00fcder Rudolf und Kurt auch im RFB organisiert waren und sie selbst erst seit wenigen Monaten mit dem Rohrleger und f\u00fchrenden Funktion der Roten Jungfront Nowawes, Kurt Vogel (1910 \u2013 1995) verheiratet war. In aller Stille n\u00e4hte Wally das Fahnentuch in ein Sofakissen ein, ohne zu ahnen, dass dies sp\u00e4ter noch einmal gef\u00e4hrlich werden sollte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Gartenstr. 20 \u2013 hier wohnte Wally zeitweilig \u2013 sollte die Fahne in der Zeit des Faschismus ihr geheimes Domizil in der Wohnlaube von Wally Lehnert \u2013 nunmehr verheiratet mit dem Kommunisten Alfred &#8211; in der Drewitzer Bahnhofstra\u00dfe 52 finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1944 &#8211; Ehemann Alfred war zwischenzeitlich in KZ-Haft und im Nachgang st\u00e4ndig unter Polizeibeobachtung &#8211; liefen die Lehnerts Gefahr, durch eine Unachtsamkeit erneut in die F\u00e4nge der Gestapo zu gelangen. Das Sofakissen, in das Wally die Potsdamer RFB-Fahne eingen\u00e4ht hatte, schnappte sich der 15-j\u00e4hrige Sohn Charlie, um damit ein kleines Ruderboot f\u00fcr eine Fahrt auf der Nuthe auszupolstern. Wally bemerkte dies noch rechtzeitig und konnte das Kissen wieder nach Hause bringen. Sohn Charlie sollte erst nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus erfahren, warum seine Mutter hoch erregt damals das Kissen wieder an sich nehmen wollte und musste. Die Gefahr f\u00fcr die Lehnerts und ihre nunmehr drei Kinder war greifbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 24. April 1945 \u2013 die weitestgehend kampflose Befreiung Babelsbergs durch die Rote Armee &#8211; war auch f\u00fcr die Potsdamer RFB-Fahne ein \u201eTag der Freiheit\u201c. Als Zeugnis einer wichtigen Tradition der Arbeiterbewegung in Potsdam und Nowawes fand sie nun Eingang in den Fundus des Museums von Potsdam.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was wurde aus dem eigentlichen \u201eAnstifter\u201c der Fahne, aus Ewald Fritsch? W\u00e4hrend sein Bruder Konrad als Buchh\u00e4ndler in Bremen blieb, trennte sich Ewald von seiner Frau und ging nach Berlin. Hier hatte auch sein ehemaliger Schulfreund Peter Huchel Anfang der 30er Jahre seinen Wohnort gew\u00e4hlt hatte, und zwar in der \u201eK\u00fcnstlerkolonie\u201c Wilmersdorf. Zusammen mit Peter wohnt er in der Wohnung des Publizisten und Kommunisten Alfred Kantorowicz (1899 \u2013 1979) in der Kreuznacher Str. 48. Auch Wilma Pabst (1907 &#8211; 1973), die sp\u00e4ter noch eine wichtige Rolle spielen sollte, zog nach ihrer R\u00fcckkehr aus Paris dort ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf seinen vielen Wegen durch ganz Berlin lernte Ewald die ungarische J\u00fcdin Lilla Szanto (1910 &#8211; 1996), die bei ihrer Schwester Maria in der Potsdamer Stra\u00dfe 121i lebte, kennen und lieben. Im M\u00e4rz 1933 \u2013 als Lilla schon schwanger war &#8211; st\u00fcrmte die SA die K\u00fcnstlerkolonie in Wilmersdorf, viele Antifaschisten wurden zur Flucht getrieben. Nach den M\u00e4rz-Wahlen 1933 wurden dann auch Ewald und Lilla inhaftiert. Da Lilla \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerin war, wurde sie ausgewiesen.&nbsp; So wurde ihr gemeinsamer Sohn Michael Sternberg (1933 \u2013 2021) am 12. August 1933 in Wien geboren. Sp\u00e4ter gelang ihr die Flucht nach Gro\u00dfbritannien. Ewald selbst blieb in Haft. Nach seiner Entlassung stand er unter Polizeiaufsicht. Schon 1935 wurde er erneut von der Gestapo verhaftet. Seine alte Bekannte aus der Wilmersdorfer K\u00fcnstlerkolonie, Wilma Papst, holte ihn am Gef\u00e4ngnistor ab und brachte ihn nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Ewalds und Konrads Vater aus dem Elsass stammten, hatten beide auch Anspruch auf die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft. Und auch Wilma wollte als Deutsche und J\u00fcdin legal nach Frankreich ausreisen. Doch dies schien unm\u00f6glich. Daher f\u00e4delt Ewald eine Zweckehe seines Bruders Konrad mit Wilma in Bremen am 13. April 1935 ein. Ewald selbst war Trauzeuge. Nunmehr war auch Wilma \u201eFranz\u00f6sin\u201c. In getrennten Z\u00fcgen fl\u00fcchteten Wilma und Ewald gen Frankreich bis nach Bordeaux. Beide heirateten und die Tochter Catherine wurde geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem deutschen \u00dcberfall auf Polen meldete sich Ewald umgehend bei der franz\u00f6sischen Armee \u2013 aber unter einer falschen Identit\u00e4t, um als echter Franzose gegen die Nazis k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Er behielt zwar seinen Namen bei, gab jedoch an, am 2. Januar 1902 in Bordeaux geboren worden zu sein. So konnte er im 621. Pionierregiment dienen. 1940 konnte er der Kriegsgefangenschaft entgehen und schloss sich der Resistance an.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg zog er mit Wilma nach Paris. W\u00e4hrend Wilma ihre philosophischen Studien weiter betrieb, arbeitete Ewald nur sporadisch, da er im Ergebnis seiner Haftzeiten in Nazi-Deutschland von posttraumatischen St\u00f6rungen heimgesucht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ewald starb am 8. Oktober 1971 in Paris, Wilma 1973. Bruder Konrad starb 1964 in Bremen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da waren sie nun sichtbar, die verblichenen Zeichen aus einer spannungsgeladenen Zeit der K\u00e4mpfe in der Weimarer Republik. In der Sonderausstellung des Potsdam Museums \u201cUmk\u00e4mpfte Wege der Moderne \u2013 Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914 \u2013 1945\u201c, 2019 hervorragend kuratiert von Dr. Wenke Nitz, waren neben dem Banner des Ortsvereins der Sozialdemokratischen Partei (SPD) von &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3380\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Fahne des RFB Potsdam \u2013 woher sie kam \u2013 was aus ihr wurde\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3380","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3380","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3380"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3380\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3384,"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3380\/revisions\/3384"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}