{"id":3950,"date":"2025-12-09T09:26:21","date_gmt":"2025-12-09T07:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3950"},"modified":"2025-12-11T09:30:02","modified_gmt":"2025-12-11T07:30:02","slug":"das-heidehaus-als-sogenanntes-judenhaus-in-der-ns-zeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rotes-nowawes.de\/?page_id=3950","title":{"rendered":"Das Heidehaus als sogenanntes \u201eJudenhaus\u201c in der NS-Zeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Heidehaus \u2013 ein geradezu romantischer Begriff angesichts des tosenden Verkehrs auf der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe und der umliegenden mehrst\u00f6ckigen Mietshausbebauung aus den 20er und 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Und dennoch birgt das Haus ein dunkle, eine braune Geschichte. Eine Geschichte von Verfolgung und Sterben.<br>Als entlang der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe im 18. Jahrhundert sich nur die \u00e4rmlichen Felder der Neuendorfer Bauern ausbreiteten, stand jenseits des kleinen H\u00e4uschens eine Windm\u00fchle im Heideweg. Das Haus selbst diente einem M\u00fcller als Wohnhaus. Viel Geld konnte man mit den mageren Feldern und dem lauen Wind nicht verdienen, so dass schon bald an dieser Stelle das Mahlen ein Ende hatte.<br>Nach der Aufgabe der dahinter liegenden M\u00fchle wird auch das M\u00fcllerhaus nicht mehr gebraucht. Es wird nunmehr zum wirklichen \u201eHeidehaus\u201c, umgeben von Wald- und Heidelandschaft. Neue Besitzerin wird die Neuendorfer Schulvorsteherin C\u00e4cilie Dunker, die aber 1912 nach Berlin zieht und 1925 das H\u00e4uschen an den Ingenieur Karl Giese aus der Zietenstra\u00dfe verkauft.<br>Zwar reichen die ersten gro\u00dfen Mietsh\u00e4user schon bis zum Findling heran, aber auf dem Weg nach Osten, hin zur Lokomotivfabrik von Orenstein &amp; Koppel breiten sich noch gro\u00dfe G\u00e4rtnereien aus.<br>Geradezu verwunschen liegt das Heidehaus, so dass sich ein alter Nowaweser in der Potsdamer Tageszeitung vom 24.2.1928 daran erinnert:<br><em>\u201eDa winkt dein Giebel, liebes Heidehaus, derselbe Geweihschmuck verziert dich noch wie fr\u00fcher, als unbek\u00fcmmerte Buben vor langen Jahren tagt\u00e4glich hier vorbei mussten, um durch den tiefen Sand der Mark \u2026 zur Schule zu wandern. Die bescheidene Inschrift \u201eHeidehaus\u201c zeigt noch immer seinen Ursprung an, wenngleich dein \u00e4u\u00dferes Gewand ein wenig versch\u00f6nt ist\u2026 L\u00e4ngst fehlt der dichte Wald, die st\u00e4mmigen Eichen, die dich umgaben, in deren Ruhe und Frieden du dich abgeschlossen hieltest vom L\u00e4rm und Unfrieden der Welt\u2026\u201c<\/em><br>Mit der zunehmenden Bebauung der Gro\u00dfen Sandscholle entlang der Pestalozzistra\u00dfe und der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe hin zur UFA durch die Stadt Nowawes und den Nowaweser Arbeiterbaugenossenschaften ab Mitte der 20er Jahre wird das Heidehaus immer mehr zu einem kleinen, romantischen Relikt aus vergangener Zeit. Noch sind die Fl\u00e4chen hin zum Heideweg aber unbebaut.<br>Mit der weiteren Industrialisierung und der damit einhergehenden Ausweitung der R\u00fcstungsproduktion Nowaweser\/Babelsberger Betriebe wie ARADO und Frieseke &amp; H\u00f6pfner steigt auch der Wohnraumbedarf f\u00fcr die Industriearbeiter*innen. Ende der 30er Jahre erwirbt die \u201eAwog\u201c, die Angestellten-Wohnungsbau GmbH aus Berlin im Auftrage der R\u00fcstungsbetriebe die Wohnbaufl\u00e4chen und errichtet im damals vorherrschenden Baustil neue mehrgeschossige Mietsh\u00e4user. Auch das Heidehaus wird aufgekauft und soll dem neuen Bauprojekt weichen.<br>Aber noch wird es von der Stadt Potsdam gebraucht \u2013 als sogenanntes \u201eJudenhaus\u201c.<br>Die neuen Eigent\u00fcmer \u2013 die Awog \u2013 sind dar\u00fcber gar nicht gl\u00fccklich. Nicht etwa, um sich mit den Juden zu solidarisieren, sondern aus rein wirtschaftlichen Gr\u00fcnden: Am 09.12.1942 wendet sich die Awog an die Stadtverwaltung:<br>\u201e<em>Das Haus sollte \u2026 bereit seit 1 Jahr abgerissen sein\u2026 Der Abbruch konnte auf Veranlassung der Polizeibeh\u00f6rde Potsdam bisher noch nicht vorgenommen werden, weil dieses Haus f\u00fcr die Unterbringung von Juden durch die Polizeiverwaltung benutzt wurde. Das Haus ist bauf\u00e4llig und erbringt uns keinerlei Mietertrag\u2026 Heil Hitler! Awog.\u201c<\/em><br>Seit 1940 hat die Polizeibeh\u00f6rde Potsdam die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die \u201eBruchbude\u201c, also das ehemalige Heidehaus und nutz es als Sammlungsort f\u00fcr die Deportation von Potsdamer und Babelsberger J\u00fcdinnen und Juden:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Albert Rosenbaum<\/strong><br>17.6.1875 Berlin<br>wohnte in Babelsberg, K\u00f6rnerweg 4<br>dann im \u201eJudenhaus\u201c &#8211; Heidehaus<br>1942 deportiert ins Warschauer Ghetto, dort verstorben<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Betty Rosenbaum, geb. Bukowzer<\/strong><br>26.11.1891 Bromberg (Bydgoszcz)<br>wohnte in Babelsberg, K\u00f6rnerweg 4<br>dann im \u201eJudenhaus\u201c &#8211; Heidehaus<br>1942 deportiert ins Warschauer Ghetto, dort verstorben<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Alfred Rothschild<\/strong><br>23.12.1866 Freiburg\/Breisgau<br>wohnte in Potsdam, Seestra\u00dfe 45<br>September 1941 dann im \u201eJudenhaus\u201c &#8211; Heidehaus<br>3.10.1942 deportiert ins KZ Thereseinstadt, dort 1942 verstorben<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Paula Rothschild<\/strong><br>20.12.1878 Osnabr\u00fcck<br>wohnte in Potsdam, Seestra\u00dfe 45<br>September 1941 dann im \u201eJudenhaus\u201c &#8211; Heidehaus<br>3.10.1942 deportiert ins KZ Theresienstadt, ermordet im Mai 1944 im KZ Auschwitz<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Regina Meyersohn, geb. Lindermann<\/strong><br>18.1.1857 Berlin<br>wohnte in Potsdam, Neu Fahrland 14<br>dann im \u201eJudenhaus\u201c &#8211; Heidehaus<br>3.10.1942 Selbstmord durch Schlafmittel<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Recha Meyersohn, geb. Lindermann<\/strong><br>24.6.1870 Saalfeld<br>wohnte in Potsdam, Neu Fahrland 14<br>dann im \u201eJudenhaus\u201c &#8211; Heidehaus<br>weiteres Schicksal noch unbekannt<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bert(h)a Reinhold (?)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Deportation der letzten J\u00fcdinnen und Juden aus Babelsberg zum Ende 1942 (nur sogenannte \u201eMischlinge\u201c durften noch in Babelsberg verbleiben) schienen auch die Tage des bauf\u00e4lligen Heidehauses gez\u00e4hlt. Die neuen Wohnbl\u00f6cke der Awog waren errichtet, der Krieg tobte und die Babelsberger R\u00fcstungsindustrie lief auf Hochtouren.<br>Das Interesse der Awog erlosch am Heidehaus. Man brauchte die Baufl\u00e4che nicht mehr und vermietete es weiter.<br>1949 wohnte dann dort mit neuem Stra\u00dfennamen \u201eErnst-Th\u00e4lmann-Str. 89a\u201c eine Rentnerin und zwei Maschinenschlosser. Man brauchte wohl jeden Wohnraum und man hatte ein Dach \u00fcber dem Kopf. Mit der Verordnung zur \u00dcberf\u00fchrung von Konzernen und sonstigen wirtschaftlichen Unternehmen in Volkseigentum vom 10. Mai 1949 (VOBl. Gro\u00df-Berlin Teil 1 Nr. 21\/1949 S. 112) des Magistrates von Gro\u00df-Berlin (Ost-Berlin) ist die nunmehrige \u201eAwog\u201c Angestellten-Wohnungsbau GmbH\u201a D\u00fcsseldorf-Benrath, Cecilienstra\u00dfe 2, Zweigstelle: Mahlow Krs. Teltow, Maxim-Gorki-Stra\u00dfe 31, enteignet worden. <em>\u201eIhr Verm\u00f6gen wird in das Eigentum des Volkes \u00fcberf\u00fchrt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Schriftzug \u201eHeidehaus\u201c war in der DDR-Zeit immer noch lesbar, an die braune Geschichte erinnerte nichts\u2026<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"450\" src=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/heidehaus-eroeffnung.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3951\" srcset=\"https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/heidehaus-eroeffnung.jpg 800w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/heidehaus-eroeffnung-300x169.jpg 300w, https:\/\/rotes-nowawes.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/heidehaus-eroeffnung-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Heidehaus zur Er\u00f6ffnung als Nachbarschaftstreff im September 2020<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heidehaus \u2013 ein geradezu romantischer Begriff angesichts des tosenden Verkehrs auf der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe und der umliegenden mehrst\u00f6ckigen Mietshausbebauung aus den 20er und 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. 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