Das Heidehaus als sogenanntes „Judenhaus“ in der NS-Zeit

Heidehaus – ein geradezu romantischer Begriff angesichts des tosenden Verkehrs auf der Großbeerenstraße und der umliegenden mehrstöckigen Mietshausbebauung aus den 20er und 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Und dennoch birgt das Haus ein dunkle, eine braune Geschichte. Eine Geschichte von Verfolgung und Sterben.
Als entlang der Großbeerenstraße im 18. Jahrhundert sich nur die ärmlichen Felder der Neuendorfer Bauern ausbreiteten, stand jenseits des kleinen Häuschens eine Windmühle im Heideweg. Das Haus selbst diente einem Müller als Wohnhaus. Viel Geld konnte man mit den mageren Feldern und dem lauen Wind nicht verdienen, so dass schon bald an dieser Stelle das Mahlen ein Ende hatte.
Nach der Aufgabe der dahinter liegenden Mühle wird auch das Müllerhaus nicht mehr gebraucht. Es wird nunmehr zum wirklichen „Heidehaus“, umgeben von Wald- und Heidelandschaft. Neue Besitzerin wird die Neuendorfer Schulvorsteherin Cäcilie Dunker, die aber 1912 nach Berlin zieht und 1925 das Häuschen an den Ingenieur Karl Giese aus der Zietenstraße verkauft.
Zwar reichen die ersten großen Mietshäuser schon bis zum Findling heran, aber auf dem Weg nach Osten, hin zur Lokomotivfabrik von Orenstein & Koppel breiten sich noch große Gärtnereien aus.
Geradezu verwunschen liegt das Heidehaus, so dass sich ein alter Nowaweser in der Potsdamer Tageszeitung vom 24.2.1928 daran erinnert:
„Da winkt dein Giebel, liebes Heidehaus, derselbe Geweihschmuck verziert dich noch wie früher, als unbekümmerte Buben vor langen Jahren tagtäglich hier vorbei mussten, um durch den tiefen Sand der Mark … zur Schule zu wandern. Die bescheidene Inschrift „Heidehaus“ zeigt noch immer seinen Ursprung an, wenngleich dein äußeres Gewand ein wenig verschönt ist… Längst fehlt der dichte Wald, die stämmigen Eichen, die dich umgaben, in deren Ruhe und Frieden du dich abgeschlossen hieltest vom Lärm und Unfrieden der Welt…“
Mit der zunehmenden Bebauung der Großen Sandscholle entlang der Pestalozzistraße und der Großbeerenstraße hin zur UFA durch die Stadt Nowawes und den Nowaweser Arbeiterbaugenossenschaften ab Mitte der 20er Jahre wird das Heidehaus immer mehr zu einem kleinen, romantischen Relikt aus vergangener Zeit. Noch sind die Flächen hin zum Heideweg aber unbebaut.
Mit der weiteren Industrialisierung und der damit einhergehenden Ausweitung der Rüstungsproduktion Nowaweser/Babelsberger Betriebe wie ARADO und Frieseke & Höpfner steigt auch der Wohnraumbedarf für die Industriearbeiter*innen. Ende der 30er Jahre erwirbt die „Awog“, die Angestellten-Wohnungsbau GmbH aus Berlin im Auftrage der Rüstungsbetriebe die Wohnbauflächen und errichtet im damals vorherrschenden Baustil neue mehrgeschossige Mietshäuser. Auch das Heidehaus wird aufgekauft und soll dem neuen Bauprojekt weichen.
Aber noch wird es von der Stadt Potsdam gebraucht – als sogenanntes „Judenhaus“.
Die neuen Eigentümer – die Awog – sind darüber gar nicht glücklich. Nicht etwa, um sich mit den Juden zu solidarisieren, sondern aus rein wirtschaftlichen Gründen: Am 09.12.1942 wendet sich die Awog an die Stadtverwaltung:
Das Haus sollte … bereit seit 1 Jahr abgerissen sein… Der Abbruch konnte auf Veranlassung der Polizeibehörde Potsdam bisher noch nicht vorgenommen werden, weil dieses Haus für die Unterbringung von Juden durch die Polizeiverwaltung benutzt wurde. Das Haus ist baufällig und erbringt uns keinerlei Mietertrag… Heil Hitler! Awog.“
Seit 1940 hat die Polizeibehörde Potsdam die Verfügungsgewalt über die „Bruchbude“, also das ehemalige Heidehaus und nutz es als Sammlungsort für die Deportation von Potsdamer und Babelsberger Jüdinnen und Juden:

Albert Rosenbaum
17.6.1875 Berlin
wohnte in Babelsberg, Körnerweg 4
dann im „Judenhaus“ – Heidehaus
1942 deportiert ins Warschauer Ghetto, dort verstorben

Betty Rosenbaum, geb. Bukowzer
26.11.1891 Bromberg (Bydgoszcz)
wohnte in Babelsberg, Körnerweg 4
dann im „Judenhaus“ – Heidehaus
1942 deportiert ins Warschauer Ghetto, dort verstorben

Dr. Alfred Rothschild
23.12.1866 Freiburg/Breisgau
wohnte in Potsdam, Seestraße 45
September 1941 dann im „Judenhaus“ – Heidehaus
3.10.1942 deportiert ins KZ Thereseinstadt, dort 1942 verstorben

Paula Rothschild
20.12.1878 Osnabrück
wohnte in Potsdam, Seestraße 45
September 1941 dann im „Judenhaus“ – Heidehaus
3.10.1942 deportiert ins KZ Theresienstadt, ermordet im Mai 1944 im KZ Auschwitz

Regina Meyersohn, geb. Lindermann
18.1.1857 Berlin
wohnte in Potsdam, Neu Fahrland 14
dann im „Judenhaus“ – Heidehaus
3.10.1942 Selbstmord durch Schlafmittel

Recha Meyersohn, geb. Lindermann
24.6.1870 Saalfeld
wohnte in Potsdam, Neu Fahrland 14
dann im „Judenhaus“ – Heidehaus
weiteres Schicksal noch unbekannt

Bert(h)a Reinhold (?)

Nach der Deportation der letzten Jüdinnen und Juden aus Babelsberg zum Ende 1942 (nur sogenannte „Mischlinge“ durften noch in Babelsberg verbleiben) schienen auch die Tage des baufälligen Heidehauses gezählt. Die neuen Wohnblöcke der Awog waren errichtet, der Krieg tobte und die Babelsberger Rüstungsindustrie lief auf Hochtouren.
Das Interesse der Awog erlosch am Heidehaus. Man brauchte die Baufläche nicht mehr und vermietete es weiter.
1949 wohnte dann dort mit neuem Straßennamen „Ernst-Thälmann-Str. 89a“ eine Rentnerin und zwei Maschinenschlosser. Man brauchte wohl jeden Wohnraum und man hatte ein Dach über dem Kopf. Mit der Verordnung zur Überführung von Konzernen und sonstigen wirtschaftlichen Unternehmen in Volkseigentum vom 10. Mai 1949 (VOBl. Groß-Berlin Teil 1 Nr. 21/1949 S. 112) des Magistrates von Groß-Berlin (Ost-Berlin) ist die nunmehrige „Awog“ Angestellten-Wohnungsbau GmbH‚ Düsseldorf-Benrath, Cecilienstraße 2, Zweigstelle: Mahlow Krs. Teltow, Maxim-Gorki-Straße 31, enteignet worden. „Ihr Vermögen wird in das Eigentum des Volkes überführt.“

Der Schriftzug „Heidehaus“ war in der DDR-Zeit immer noch lesbar, an die braune Geschichte erinnerte nichts…

Das Heidehaus zur Eröffnung als Nachbarschaftstreff im September 2020