Ende Mai äußerten die Berliner Verkehrssenatorin und der brandenburgische Verkehrsminister die Absicht, die Reaktivierung der sogenannten Stammbahn zu planen und erläuterten die Streckenpläne von Potsdam kommend mit Halten in Dreilinden, Kleinmachnow und weiter nach Zehlendorf. Damit würde es eine neue Verbindung zwischen Berlin und Potsdam geben, die auf alter historischer Strecke liegt.
Mitten durch Babelsberg, zwischen dem ehemaligen Nowawes nördlich der Bahnstrecke und Neuendorf südlich der Bahnstrecke führt die ehemals älteste Eisenbahn von Preußen. Die Stammbahn, auch als Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn bekannt, wurde am 22. September 1838 auf der Teilstrecke Potsdam bis Zehlendorf eröffnet und später am 29. Oktober 1838 auch mit dem Abschnitt Zehlendorf bis Berlin in Betrieb genommen. Der Bau der Strecke dauerte rund 14 Monate, angefangen hatten die Arbeiten am 10. August 1837. Die Planungen jedoch waren älter, denn schon Jahre zuvor gab es Pläne für eine Eisenbahn, die aus Richtung Halle/Wittenberg über Potsdam und Berlin weiter in den Osten Preußens führen sollte. Aus der ersten Gesellschaft, die sich mit dem Ziel der Schaffung einer Eisenbahn von Potsdam nach Berlin befasste, wurde eine neue Gesellschaft gegründet, die die Verlängerung der Eisenbahn von Potsdam nach Magdeburg forcierte und deren Eröffnung erst im August 1847 erfolgte. Mit dieser Eisenbahn erfolgte schließlich ein großes Netz von verschiedenen Eisenbahnen in Preußen und im gesamten Deutschen Reich.
Ein Haltepunkt für das „gemeine Volk“ aus Nowawes und Neuendorf hat es erst einmal jahrzehntelang nicht gegeben. Die Dampfzüge rauschten vom Potsdamer Bahnhof in Berlin kommend an den Weberhäusern in der Lindenstr. (heute Rudolf-Breitscheid-Str. und Benzstr.) vorbei. Dabei verliefen die Bahngleise einer alten breiten Trift entlang, was auch heute noch gut zu erkennen ist. Die alte Lindenstraße und die darauf verlaufenden Bahngleise wurden mittels eines Bretterzaunes getrennt, damit weder Vieh noch Personen die Gleise kreuzen konnten.
Lindenstr., rechts die Bahngleise mit Holzzaun, aus „Gruß aus Potsdam“, gestempelt 1913, Kunstverlag J. Goldiner Berlin
Ein Jahr nach seiner Krönung als König von Preußen, wurde für Wilhelm I. 1862 ein nur für ihn vorgesehener Haltepunkt in Neuendorf in Höhe der heutigen Überquerung der Nutheschnellstraße über die Bahngleise eingerichtet. So konnte der König bequem vom Berlin kommend eine Kutsche in Neuendorf besteigen und die Wilhelmstr. (heute Alt Nowawes) zum Eingang „seines“ Park Babelsberg hin zu seiner Residenz im Schloss Babelsberg nehmen.
Die Nowaweser und Neuendorfer guckten noch lange „in den Rauch“. Erst am 01.05.1890, mit der Verlängerung der Wannseebahn als Vorortbahn von Wannsee nach Potsdam, bekamen die Schwesterngemeinden einen eigenen – noch ebenerdigen Bahnhof – Neuendorf-Nowawes, 1907 nach der Zusammenlegung beider Gemeinden mit dem Namen Nowawes ausgewiesen.
Die Querungen der Bahntrasse wurden durch Schrankanlagen reguliert. An der Eisenbahnstr. (heute Karl-Liebknechtstr.) gab es eine Unterführung, an der Berg-(!)straße (heute Daimlerstr.) gar eine Straßenbahnüberführung.
Die Bergstr. von Neuendorf kommend als Überführung über die Bahngleise. Aus „Gruß aus Potsdam“, 1910, Verlag J. Goldiner, Berlin
Mit der wachsenden Industrialisierung von Nowawes wuchsen auch die „Querungshäufigkeiten“ zwischen den Wohnquartieren nördlich der Bahn und den Fabriken südlich der Bahn. Jahrelanges Drängen der Nowaweser Gemeindevertreter und des Landkreises Teltow führten 1911 endlich zum Erfolg. Die Königliche Preußische Eisenbahnverwaltung legte die Vorort- und Fernbahngleise in der Gemeinde Nowawes hoch und ein neuer Bahnhof wurde bis 1914 erbaut.
Neuer Bahnhof Nowawes. Aus „Gruß aus Potsdam“, 1920, Verlag unbekannt
Eine „Extrawurst“ wurde für die neuen Villenbesitzer am Schlachtensee und Neubabelsberg 1874 „gebraten“: 1874 war in Zehlendorf ein Abzweig von der Stammbahn gebaut worden, auf dem nun Züge über Schlachtensee in Richtung Wannsee nach Potsdam verkehrten. Diese Bahn erhielt den Namen „Alte Wannseebahn“ und sorgte schließlich auf dafür, dass am heutigen Bahnhof Griebnitzsee im Jahr 1874 der Bahnhof Neu-Babelsberg zur Erschließung des dortigen Villenviertels entstand. An diesem Punkt trafen nun die Gleise der Stammbahn mit denen der alten Wannseebahn und fünf Jahre später auch der neu gebauten Wetzlarer Bahn (auch „Kanonenbahn“ genannt) – von Charlottenburg kommend durch den Grunewald nach Dessau führend zusammen. Seit 1878 besaß der Bahnhof am Griebnitzsee eine Attraktion, das Empfangsgebäude war der ausgediente Deutsche Pavillon der Weltausstellung in Wien im Jahr 1873. Ab 1883 hieß der Bahnhof ohne Trennung „Neubabelsberg“ und ab 1928 verkehrte hier die S-Bahn auf den Gleisen der Stammbahn, die auch in Nowawes hielten.
Mit der Höherlegung der Strecke entstanden zahlreiche Brücken, so auch an der Anhaltstraße, Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße. An einer Seite der Brücke ist ein Türmchen zu sehen, dass seit vielen Jahren ohne Benutzung ist. Dabei handelt es sich vermutlich um eine sogenannte Blockstelle für die beiden Vorortgleise der S-Bahn. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die S-Bahn nur auf einem Gleis betrieben und das Stellwerk wurde nicht mehr benötigt. Innerhalb der Geschichtswerkstatt haben wir mehrmals philosophiert, ob nicht eine Nutzung dieses kleinen Turmes als Ausstellungsraum oder kleines Museum zur ersten Eisenbahn in Preußen möglich wäre? Babelsberg wäre um ein kleines touristisches und museales Highlight reicher und der Turm würde eine sinnvolle Nutzung erfahren. Zudem gäbe es eine Möglichkeit, um an die erste Eisenbahn in Preußen erinnern zu können, die hier ihren Streckenverlauf hatte.
Im Übrigen empfehlen wir gerne einen Spaziergang zwischen den heutigen Potsdamer-Berliner und Kleinmachnower Gemarkungsgrenzen, denn dort liegen noch alte Relikte wie Gleise oder Brücken der alten Stammbahn sowie der später gebauten Friedhofsbahn nach Düppel und Stahnsdorf. Denn sowohl die Stammbahn, als auch die Friedhofsbahn haben im Zuge der deutschen Teilung ihre Funktion verloren. Umso besser ist es, dass in den letzten Jahren und nun auch auf höheren Beschluss der Politik die Strecke der Stammbahn und damit eine Verbindung zwischen Potsdam und Berlin reaktiviert werden soll. Wir begrüßen dies ausdrücklich und erwärmen uns an der Idee, die Geschichte auch im Turmbauwerk an der Anhaltstraße präsentieren zu können.
Ideal für ein kleines Museum zur ersten Preußischen Eisenbahn
Am Donnerstag, den 16.06.2022, findet nun um 14 Uhr in Kooperation mit der Landeshauptstadt Potsdam an der Ecke Großbeerenstraße/Walter-Klausch-Straße die schon für den 8. Mai geplante Einweihung des erklärenden Zusatzschildes für Walter Klausch statt. Der 16. Juni ist der Todestag des Nowaweser Antifaschisten und Kommunisten
Er wohnte in der damals noch „Barberowweg“ heißenden heutigen Walter-Klausch-Straße mit seiner Familie, wurde am 8. Juni 1933 verhaftet und bereits wenige Tage später, am 16.06.1933 in das von der SA eingerichtete Konzentrationslager Oranienburg überführt und noch am selben Tag ermordet. Damit gehört Walter Klausch zu den ersten Todesopfern des Nationalsozialismus im damaligen Nowawes, dem heutigen Potsdam-Babelsberg.
Die traditionellen Böhmischen Tage, ein Veranstaltungswochenende der Aktionsgemeinschaft Babelsberg e.V. in Kooperation mit vielen weiteren lokalen Initiativen, finden auch in diesem Jahr wieder statt. Mit dabei ist auch die Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes mit eigenen Beiträgen. Unter dem Konzept „Junges Grün & Bunte Vielfalt“ stehen die Böhmischen Tage am Wochenende des 11. und 12. Juni dieses Mal mit einer ökologischen Komponente im Mittelpunkt.
Die Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes bietet am Samstag, den 11. Juni, um 11 Uhr und um 14 Uhr Stadtrundgänge unter dem Titel „Mineralwasser – Seidenstrümpfe – Schallplatte“ zum vergessenen Gewerbe im alten Nowawes an. Treffpunkt ist vor dem AWO Kulturhaus. Am Sonntag, den 12. Juni, gibt es geführte Fahrradtouren ab 11 Uhr und 14 Uhr unter dem Titel „Uff ‘ne Molle und een Korn“ zu den alten Arbeiterkneipen in Nowawes. Treffpunkt ist ebenfalls das AWO Kulturhaus. Alle Touren sind kostenlos.
In Kooperation zwischen dem Bertha-von-Suttner-Gymnasium und der CULTUS UG/ freiLand Potsdam ist in den letzten Jahren eine tolle Recherche zu Zwangsarbeit bei den Arado Flugzeugswerken entstanden.
Vor über 100 Jahren entstanden nach einem Aufruf in der „Roten Fahne“ die ersten Rote-Hilfe-Komitees als eine überregionale Solidaritätsstruktur. Mit ihr sollte die Solidarität für verfolgte Aktivist:innen aus der gesamten Arbeiter:innenbewegung durch materielle Unterstützung für die politischen Gefangenen und ihre Familien, aber auch durch die Übernahme von Kosten für Anwält:innen, gewährleistet werden. Aus den Rote-Hilfe-Komitees entwickelte sich ab 1924 die Rote Hilfe Deutschland (RHD), einer der größten und aktivsten Massenorganisationen der Arbeiter:innenbewegung.
Der Historiker Dr. Nick Brauns berichtet aus der Solidaritätsarbeit der Rote-Hilfe-Komitees und der RHD in der Weimarer Republik bis hin zur illegalen antifaschistischen Arbeit während der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei versuchen wir auch einen Fokus auf die damaligen lokalen Strukturen der RHD in Potsdam und vor allem im proletarisch geprägten Nowawes zu geben. Eintritt frei, aber Spenden für Hans-Litten-Archiv. Rauchfrei während der Veranstaltung. Beginn um 19:30 Uhr in der Stadtteilkneipe Nowawes.
Mittwoch, 08.06.2022, 19:30 Uhr in der Stadtteilkneipe Nowawes
Die Landeshauptstadt Potsdam lädt zur Verlegung von 16 Stolpersteinen an zwölf verschiedenen Orten am 19. Mai 2022 ein. Der Künstler Gunter Demnig wird persönlich die Verlegung vornehmen und damit ein weiteres wichtiges Zeichen im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus setzen. Unter den Initiatoren ist auch die Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes, die sich besonders für die Stolpersteine von Hermann Maaß, Walter Klausch, Erika Lövin, Walter Klausch, Johanna und Fritz Abraham sowie Wilhelm Marquardt.
Aus der Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes heraus haben wir unter anderem ein Augenmerk auf:
gegen 13.00 Uhr Hermann Maaß (Hermann-Maaß-Str. 34) – in Zusammenarbeit mit der Geschichtskommission der SPD Brandenburg
Grußwort: Dr. Manja Schüle, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kulur, Land Brandenburg
Gedenkworte: Prof. Johannes Tuchel, Leiter Gedenkstädte Deutscher Widerstand.
gegen 14.15 Uhr Walter Klausch, Erika Lövin, Johanna und Fritz Abraham (Neue Str. 3, Garnstr. 4) Treffpunkt Neue Str./Ecke Alt Nowawes
Grußwort: Monique Tinney, Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadtverordnetenversammlung Potsdam
Gedenkworte: Dr. Uwe Klett, Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes, erwartet werden auch die Nichte von Walter Klausch und der Neffe von Erika Lövin
Wir laden alle Interessierten zu den jeweiligen Stolpersteinverlegungen ein. Alle Informationen, auch zu den anderen Verlegungen, gibt es in der beigefügten Einladung der Landeshauptstadt Potsdam.
In Kooperation mit den Gruppen EAP, Buchladen Sputnik und der VVN-BdA Potsdam hat die Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes am gestrigen 8. Mai nicht nur dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus gedacht, sondern das Datum als Anlass genommen, um Walter Klausch zu ehren. Walter Klausch hatte am 8. Mai seinen 115. Geburtstag und so sollte zu diesem Tag ein Zusatzschild an der nach ihm benannten Straße in Babelsberg angebracht werden. Dies konnte aufgrund von logistischen Problemen seitens der Landeshauptstadt Potsdam zwar noch nicht geschehen, wird aber zeitnah nachgeholt werden. So ging es von der Straßenecke zum Familiengrab von Walter Klausch auf dem nahen Friedhof und anschließend zum Heidehaus. Die zahlreichen Teilnehmenden bekamen Informationen zum Leben von Walter Klausch und debattierten über neue Formen der Erinnerungs- und Gedenkpolitik.
Die Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes hat zusammen mit der VVN-BdA Potsdam eine Anfrage an die Landeshauptstadt Potsdam gesucht, um zu erörtern, inwieweit ein Gebäude an der Ecke Fritz-Zubeil-Straße/Konsumhof bezüglich seiner Geschichte im Kontext der NS-Zwangsarbeit weiter zu untersuchen und gegebenenfalls unter Schutz zu stellen ist. Auf dem Gelände eines ehemaligen Gebrauchtwagenhandels steht eine Baracke, die auf einem Lageplan des ehemaligen Rüstungsbetriebes als „Küche für Ausländer“ deklariert ist. Auch die Potsdamer Neuesten Nachrichten hatten über unseren Brief berichtet. Anbei der offene Brief.
Ob sie wohl gelingen wird, war so manchem Pädagogen und Politiker am Sonntag, dem 23.4.1922 noch nicht klar. Als die Schüler das Gebäude der bisherigen 5. Gemeindeschule betraten,wusste sie kaum, dass nun nicht nur ein neues Schülerdasein begann, sondern sich dieses auch erheblich unterschied von dem ihrer Altersgenossen. Aber nicht nur für die Nowaweser war dies eine bildungspolitische Zeitenwende. Schließlich war man hier in Nowawes (seit 1938 Babelsberg, seit 1939 Potsdam-Babelsberg) die erste, jener amtlich „Sammelschulen“ genannten Volksschulen mit Lebenskunde- statt Religionsunterricht in der gesamten Provinz Brandenburg, jenseits der Reichshauptstadt Berlin.
Aber warum gerade hier in dieser 25.000 Seelen Gemeinde, die mit ihren Textilfabriken und ihrer Lokomivfabrik doch so anders war als die konservativ-monarchistisch geprägte Militär- und Beamtenstadt Potsdam auf der anderen Seite der Havel?
Schon in der Kaiserzeit entwickelte sich bei der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft im Dunstkreis des Freidenkertums eine starke emanzipatorische Strömung der Kirchenaustrittsbewegung. War bis hinein in das Familienleben der zumeist sehr armen Weber und Industriearbeiter die evangelische Friedrichskirchgemeinde (Nowawes) und Bethlehemkirchgemeinde (Neuendorf) prägend für den soziokulturellen Zusammenhalt, so brach sich insbesondere nach Aufhebung der Sozialistengesetze der freiheitlich Anspruch auf weltanschauliche Selbstbestimmung in der Nowaweser Sozialdemokratie und ihren Organisationen Bann. Dabei ging es nicht nur und nicht immer um die Ablehnung jeglicher Religion, sondern v.a. auch die Brechung der Dominanz der preußischen Staatskirche bei der Alltagsbewältigung des Arbeiterlebens. So wurden Taufen in der stark politisierten Arbeiterschaft während und erst recht nach dem 1. Weltkrieg immer seltener. Bekanntlich gab es bis zur Revolution 1918/1919 keinerlei Schulangebot jenseits der tradierten Volksschule evangelischer Prägung in Nowawes.
Mit dem Weimarer Schulkompromiss vom August 1919 sollte sich die bildungspolitische Situation für die Vielzahl von „Dissidenten“-Familien auch in Nowawes ändern. Auch dort wurde die Möglichkeit eröffnet, Kinder aus diesen Familien in eigenständigen Schulen zu „sammeln“ (daher Sammelschule), die radikal die Trennung von Kirche und Staat in der Schullandschaft vollzogen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass letztendlich nur ca. 20% der Nowaweser Bildungshungrigen durch die Entscheidung ihrer Eltern, die weitestgehend dem sozialdemokratisch-sozialistisch-kommunistischen Arbeitermilieus entstammten, die Chance bekamen, eine neue Art von Pädagogik zu erleben. Der größere Teil der Kinder aber blieb der Bildungsweg in den „normalen“, weiteren 4 Volksschulen – getrennt nach Mädchen und Jungen – mit obligaten Religionsunterricht vorbehalten.
Aber warum begann das radikale Bildungexperiment „Weltliche Schule“ gerade in Nowawes und dann noch als erstes in ganz Brandenburg?
Schüler*innen der Weltlichen Schule mit Lehrer Richard Schaffrath 1931; Slg. Klett
Die unübersehbare „Affinität“ vieler Elternhäuser (zumeist der Väter als Familienvorstände) zum Weltlichen alleine wäre nicht ausreichend gewesen, eine Weltliche Schule auf den Weg zu bringen.
Als Katalysator kam sowohl die Berlinnähe als auch eine besondere politische Konstellation in der nachrevolutionären Zeit in der Gemeinde hinzu. Nowawes, bis 1939 zum Landkreis Teltow gehörig (und damit politisch-administrativ völlig von Potsdam getrennt) hatte immer schon eine starke Berlinausrichtung. Man las in den sozialdemokratisch orientierten Arbeiterkreisen eher den Berliner „Vorwärts“, als die „Brandenburgische Zeitung“und war parteipolitische bis 1920 direkt mit den“Aufmüpfigen“ aus Neukölln und Schöneberg in einem Wahlkreis verbunden. Der Einfluss der dortigen Schulreformbewegung wird auch bei einem kleinen Teil der Nowaweser Lehrerschaft Spuren hinterlassen habe. Einige der späteren Lehrer der Weltlichen Schule haben auch in Berlin ihre ersten pädagogischen Sporen verdient.
Darüber hinaus kam es in Nowawes fast im Einklang zur Reichshauptstadt zu einem merklichen Aufbegehren gegen den Krieg und den Hunger auf den Straßen und in den Familien der Industriearbeiter. Streikwellen 1917 und 1918, die von Berlin ausgingen, erfassten auch schnell das schon damals „Rote Nowawes“. Die Etablierung einer neuen sozialdemokratisch-revolutionären Friedenspartei, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), ab April 1917 stieß auch bei der organisierten Arbeiterschaft in Nowawes auf fruchtbaren Boden. Jene Sozialdemokraten, die der von Ebert und Scheidemann getragene Burgfriedenspolitik folgten, kamen in Nowawes zunehmend in die Minderheit. Die großen Gewerkschaften der Metaller und Textilarbeiter wurden von der USPD dominiert und auch die ersten freien Kommunalwahlen im Frühjahr 1919, an denen erstmalig auch alle Frauen teilnehmen konnten, erbrachten einen grandiosen Sieg der Linkssozialisten, die zusammen mir der kleineren Ebert-SPD in der Gemeindevertretung die absolute Mehrheit hatten.
Eine neue Zeit schien anzubrechen, auch eine radikale Schulreform war Tagesaufgabe. Der unbestrittene Nowaweser USPD-Führer Paul Neumann und seine Genossen ergriffen die historische Chance, schneller und radikaler als dies in anderen Industriestädten der Provinz Brandenburg geschah. Der erwähnte „Schulkompromiss“ schien das Tor zu öffnen, wenn auch nur einen Spalt breit. Sicherlich hatte man mehr politische Programme als tatsächliche Umsetzungskonzepte, schon gar nicht konnte man in Nowawes auf ein eine breite Phalanx pädagogischer Reformer zurück greifen.
Aber das politische Projekt einer Weltlichen Schule sollte und musste gelingen, „immer der Zukunft zugewandt…“
Mag ein gehöriger Mut und Aktionismus an den Tag gelegt worden sein, um den „bürgerlich-kirchlichen“ Widerstand klein zu halten und v.a. ausreichend Eltern zu finden, die für ihrer Kinder das Wagnis eingingen, etwas völlig Unbekanntes zu wagen. Doch dem Beispiel der ersten Berliner Sammelschulen folgend, ging die sozialistisch geprägte Gemeindevertretung voran – ohne Netz und doppelten Boden. Mit den vorhanden, meist kaisertreuen Volksschullehrern war zwar nicht viel Staat für diese neue Bildungseinrichtung zu machen, aber man hatte ja keine anderen! Nach 1933 gaben so einige dieser Lehrer – unter den neuen ideologischen Vorzeichen – zu Protokoll, auch nicht wirklich eine weltliche Schule gewollt zu haben.
Dass die Schule in der Priesterstr. 24 (heute Karl-Liebknecht-Str. 29; in der DDR POS 16 „Bruno H. Bürgel“, heute Grundschule „Bruno H. Bürgel“) dennoch 1922 – 1933 ein neue Lebenswirklichkeit pädagogisch bot, ist vor allem dem Lehrer der Schule, zugleich politischen Aktivisten (USPD, ab 1922 wieder SPD), Gemeindevertreter und späteren unbesoldeten Stadtrat Bruno La Grange zu verdanken. Nicht etwa die Rektoren Reinhold Kuschel und Hans Richter waren die Antreiber der Weltlichen Schule, sondern der aus Berlin stammende, in Nowawes schon seit 1912 als Lehrer tätige La Grange (1882 – 1932).
Die Tatsache, dass Kinder aus zumeist ärmeren Familien dem bildungspolitischen Zugriff der preußischen Staatskirche entzogen und gar teilweise in gemischten Klassen unterrichtet wurden, stieß immer wieder auf entschiedene Gegenwehr „bürgerlicher Kreise“ und Unverständnis und Ablehnung bei einem Teil der Arbeiterschaft. Wenn auch das 1907 errichtet Schulgebäude vergleichsweise modern war, lag es doch eher in jenem Teil der Gemeinde nördliche der Eisenbahnlinie, wo mehrheitlich arme Proleten und Arbeitslose wohnten. Zwar war sie damit eine Milieuschule der kurzen Wege, aber es mangelte ihr, wie La Grange einmal später feststellte, an jenen Schülerschichten, die eher aus den Mittelklassehaushalten kamen. Auch das bekannte Phänomen, Schüler beim Scheitern auf den anderen Volksschulen an der Sammelschule aufzunehmen, wurde kritisch bilanziert.
Und dennoch war die Weltliche Schule nicht nur eine Bildungseinrichtung, die Zukunft probiert. Es war DAS politische Projekt der linken Arbeiterparteien und ihrer Vorfeldorganisationen in der damaligen Zeit. Ob Gewerkschaften, AWO, ASB, Arbeitersportvereinen, Arbeiterchöre, Kinderfreunde, aber auch die Rote Hilfe: alle gaben oft ihr letztes Hemd für die Ausstattungen der Schule und die soziale Fürsorge für die Schüler. In den ersten Jahren ihres Bestehens waren die Räume der Schule auch Treffpunkt der politischen Arbeiterjugend, bevor diese die Räume der neu errichteten Jugendherberge am Sportplatz nutzen konnte.
Auch wurde die Schule der Kristallisationspunkt einer lebendigen proletarischen Jugendweihetradition, deren Träger das örtliche Gewerkschaftskartell und das Arbeiter-Sport- und Kulturkartell in Zusammenarbeit mit dem Freidenkenverband waren. Auch hier war Bruno La Grange nicht nur Inspirator sondern auch Organisator und bot Jugendweihekurse an.
Ein eher düsteres Kapitel auch für dieses bildungspolitisch-revolutionäre Projekt ging einher mit dem verschärften Bruderkrieg zwischen SPD und KPD Anfang der 30er auch in Nowawes. Für die einen war die Sammelschule der Einsteig in eine Bildungsreform in Preußen, für die anderen eine unzumutbare Insellösung. Ausgelöst aus Dissonanzen in der nicht durchgängig „weltlichen“ Lehrerschaft der Schule, wurde eine politische Schlacht zwischen den Arbeiterparteien geschlagen, die den Konservativen im Provinziallandtag vom „marxistischen Schulskandal in Nowawes“ zu sprechen ermöglichte. Auch persönliche Verletzungen unter den linken Kontrahenten blieben nicht aus.
Unstrittig ist, dass der zugespitzte Kampf gegen den aufkommenden Faschismus (der bis 1933 in Nowawes aber kein Bein auf den Boden bekam), oft von – aus heutiger Sicht unerträglichen Anfeindungen von Sozialdemokraten und Kommunisten gegeneinander überwölbt wurde. Das Familienleben der proletarischen Milieus blieb davon nicht unberührt. So verwundert es auch nicht, dass die Kinder aus diesen politisch aufgeladenen Milieus ihre „frischpolitischen“ Erfahrungswelten mit in die Schule brachten und somit auch die Lehrerschaft oft überforderten. Auch die sehr aktive Elternvertretung und Leitung des Gewerkschafters und Sozialdemokraten Hans Kohl zerfiel zunehmend in ein gegensätzliches parteipolitisches Fahrwasser. Letztendlich sah sich die Schulaufsicht genötigt, einige der Protagonisten der innerschulischen Auseinandersetzungen unter der Lehrerschaft zu versetzen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass diese Schule unter schwierigsten materiellen und personellen Bedingungen, aber mit einer großen Unterstützung der politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft für einen Teil der Nowaweser Kinder nicht nur eine andere Art von Schule versuchte, sondern auch im Freizeitbereich eine starke naturbezogene und musische Entwicklung der Schüler beförderte.
Mit der Machtübernahme der Nazis und ihrer „bürgerlich-nationalkonservativen“ Gesinnungsgenossen auch in Nowawes, ging die Geschichte der weltlichen Schule und ihrer Lehrer und Schüler abrupt zu Ende. Schon am 25. Februar 1933 wurde per Erlass für Preußen die Auflösung der weltlichen Schulen und das Verbot des Lebenskundeunterrichts verfügt. Auf diese Chance haben die neuen „Braunen“ und bisher in der Minderheit agierenden alten „Schwarzen“ im „Roten Nowawes“ nur gewartet.Von einem großen Demonstrationszug, angeführt von einer SA-Kapelle, berichtet die konservative Potsdamer Tageszeitung im März 1933:
„Die friedliche Erstürmung der roten Schulburg in der Priesterstraße, von der heute früh die frische Jugend … für alle Zeiten Besitz ergriffen, war mehr als ein Akt tiefer symbolischer Bedeutung. Der Zusammenbruch der weltlichen Schule in Nowawes wird alle die mit heißer Genugtuung erfüllen, die seit Jahren wehen Herzens erlebten, welcher Ungeist hier gepredigt, welche Jugend hier herangezogen wurde… Der (NSDAP) Stadtrat Pichottka hielt dann eine eindrucksvolle Ansprache, in der er darauf hinwies, dass nunmehr in das Haus, in dem Internationalismus, Marxismus und Religionslosigkeit geherrscht habe, neuer Geist einziehen werde. In dieser Schule werden die Kinder zu deutschen Männern erzogen.“
Der aus diesen Zeilen sprechende Hass ist auch ein Zeugnis für die Gefährlichkeit einer Schulform, die 1922 ein neue lebenskundliche Bildung wagte.
Ihr Inspirator und Mitgestalter, Bruno La Grange, erlebte ihren Untergang nicht mehr. Er starb 1932. Andere Lehrer wurden aus politischen Gründen entlassen oder an andere Schulen strafversetzt. Und andere hatte ja von alledem nichts gewusst…
Den 8. Mai, den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, wollen wir in diesem Jahr mit dem Blick auf eine lokale Erinnerungspolitik und diejenigen werfen, die die Befreiung nicht mehr erleben konnten. Für Millionen Menschen kam die Befreiung zu spät, die zuvor durch die Nationalsozialisten geschlagen, misshandelt, ermordet und verscharrt wurden. Auch ihnen wollen wir am 8. Mai gedenken.
Im Fokus steht dabei Walter Klausch, Antifaschist und Kommunist, der mit seiner Ermordung im von der SA eingerichteten Konzentrationslager Oranienburg zu den ersten Todesopfern des Nationalsozialismus im damaligen Nowawes, dem heutigen Potsdam-Babelsberg, gehörte.
Eine demokratische Gesellschaft ist nicht lebensfähig ohne die Besinnung auf die Geschichte. In diesem Sinne wollen wir den vergessenen Walter Klausch wieder in den Blick der Öffentlichkeit bringen, obwohl hier sogar eine Straße nach ihm benannt ist. Die Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes trat mit einer Bitte an die Stadt Potsdam heran, ein Zusatzschild zum Namensgeber der Straße an seinem 115. Geburtstag anzubringen. Dieser 115. Geburtstag ist der 8. Mai.
Erinnern und Gedenken sind aktive Formen der Auseinandersetzung mit der vergangenen Wirklichkeit. Sie mahnen uns in besonderer Art und Weise, sich mit der lokalen Geschichte auseinanderzusetzen. Auch Straßennamen und Grabstätten gehören dazu. Wir wollen mit euch das Zusatzschild einweihen und zum Grab von Walter Klausch auf den benachbarten Friedhof gehen. Dort können Blumen niedergelegt werden.
Für eine Diskussion zum lokalen Erinnern und Gedenken stehen wir anschließend im Heidehaus zur Verfügung, wo wir selbstverständlich auch auf den Tag der Befreiung mit euch anstoßen möchten.
Wir verweisen zudem auf die Veranstaltungen im Buchladen Sputnik am Nachmittag.
Sonntag, 8. Mai 2022, 11 Uhr
Ecke Großbeerenstraße/Walter-Klausch-Straße
Tag der Befreiung und Gedenken an Walter Klausch
Sonntag, 8. Mai 2022, 16:20 Uhr
Buchladen Sputnik (Charlottenstraße 28)
Lesung mit Simon Strick: „Rechte Gefühle – Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“ (Das Buch untersucht, mit welchen Strategien rechtes Gedankengut auf der Gefühlsebene verankert wird und welche Rolle digitale Medien dabei spielen.)
Sonntag, 8. Mai 2022, 19:20 Uhr
Buchladen Sputnik (Charlottenstraße 28)
Lesung aus dem kollektiv verfassten Roman „Hinterwald“ (Lustvoll subversiv: „Hinterwald“ ist ein Krimi nach wahren Begebenheiten, die geradezu ein Muster für die Auseinandersetzung mit Nazi-Kriegsverbrechen in der alten Bundesrepublik darstellen.)
Organisiert durch:
Buchladen Sputnik
EAP
Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes
VVN-BdA Potsdam
Nowawes 1932/1933: eine Liebe ohne Zukunft – Erika Lövin und Walter Junker, Mi 22.04., 18 Uhr Kulturhaus Babelsberg
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